qobuz-Tipp der Woche: „Train on the Island“ von Aldous Harding
Zumindest musikalisch ist Aldous Harding so nahbar wie nie zuvor.
„I’ve been away too long“, lautet die erste Zeile der Vorabsingle „One Stop“ – und tatsächlich sind seit „Warm Chris“ nun schon vier Jahre vergangen. Auch für ihr fünftes Album hat Aldous Harding wieder mit dem Produzenten John Parish gearbeitet, und die beiden setzen jetzt mit „Train on the Island“ die Entwicklung der letzten Veröffentlichungen konsequent fort: Hardings charakteristischer Grenzgang zwischen introspektivem Folk und psychedelischem Pop wird immer eingängiger, doch zugleich gelingt es ihnen auch in den nahbaren Kompositionen, diese leichte Unruhe und Verunsicherung, das Dräuende, aufrecht zu erhalten, was an ihre erste Kollaboration „Party“ aus dem Jahr 2017 gemahnt, auf der die neuseeländische Musikerin auch mit gezielten musikalischen Nadelstichen gearbeitet hat.
Ihre eigenwilligen Tanzeinlagen zeigt Harding auch wieder im Video zu „One Stop“, zudem ändert sie Akzent und Gesangsstil und scheint für den Song in verschiedene Charaktere zu schlüpfen. Der Text? Kryptisch wie immer, aber auch lustig: „I’m gonna write what I know/Things I ain’t known for a long time/I met the real John Cale/He had no words, but I don’t mind/I packed the stage while he ate rice“.
Hilft das Albumcover beim Dechiffrieren der neuen Songs? Harding sitzt auf dem Foto in einem Hörsaal oder Seminarraum, sie blickt in die Kamera, ihr Gesicht ist blau gefärbt. Die Redewendung „Blue in the Face“ bedeutet: etwas so lange tun, bis man erschöpft ist, oft ohne Erfolg. Das mag ein Hinweis sein, doch womöglich ist es noch ergiebiger, stellt man sich einen Hörsaal voller blaugesichtiger Harding-Hörer:innen vor. Womöglich geht es hier nicht um ein Verstehen, sondern um das Erfühlen. So sinnentleert der Ausdruck „Ausnahmekünstlerin“ meist verwendet wird – auf Aldous Harding trifft er zu. Sie ist hier Zugführerin und vielköpfiges Serviceteam, doch auf welcher Insel dieser Zug fährt, muss jede:r für sich selbst festlegen.