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Musik

Raus aus dem Nebel: Gloria de Oliveira über Trauma und Befreiung

Zwischen Spukschlössern, Schwanenmythen und den Schatten einer toxischen Beziehung findet Gloria de Oliveira auf „The lying Swans“ eine Wahrheit, der sie wieder vertrauen kann.

Gloria de Oliveira steht am Meer und am Strand sind auch zwei Schwäne zu sehen.
Gloria de Oliveira kreiert Dreampop zwischen Mythos, Märchen und Realität. (Foto: Beto Ruiz Alonso)

Früher wollte Gloria de Oliveira jeden Abend aus demselben Buch vorgelesen bekommen: „Gruselmärchen“ von Barbara Bartos-Höppner. „Als Erwachsene standen mir beim erneuten Lesen die Haare zu Berge. Wenn ich das heute Abend lesen würde, müsste ich mit Licht schlafen“, sagt de Oliveira. Doch damals ging es nicht um Angst, sondern um ein Versprechen: dass es neben unserer Welt noch eine andere gibt, eine Zwischenwelt, in die man durch einen Spalt im Vorhang schlüpfen kann. Auf ihrem dritten Album „The lying Swans“ betritt sie dieses Zwischenreich jetzt erneut. Nur trägt sie diesmal etwas hinein, das verarbeitet werden will.

Die extrem persönlichen Songs sind entstanden, als sich de Oliveira nach einer toxischen Beziehung mühsam zu sich selbst zurückgekämpft hat. „Dann muss man seine ganze Realität neu sortieren: Was war echt, was war Lüge, wo habe ich mich selbst belogen und verraten?“, reflektiert sie. Das Album ist dieses Sortieren, neun Songs lang: Sie lernt, Zeichen zu lesen, Wahrheit von Illusion zu trennen und der eigenen Wahrnehmung nach Jahren des Zweifelns wieder zu trauen.

Das Album beschreibt diesen Kreislauf, und schon der erste Song, „Leda saw Eyes“ legt die Spur. Eine verzaubernde Harfe führt hinein, und de Oliveira gibt Leda eine Stimme, jener Prinzessin aus der griechischen Mythologie, der Zeus als Schwan begegnet ist. War es Verführung oder Gewalt? Wusste sie, wer sich hinter den weißen Federn verbirgt? Die Kunst streitet seit Jahrtausenden darüber und zeigt Leda dabei oft als Objekt. „Im echten Leben hinterfragt man die eigene Rolle ja auch sehr stark, wenn einem etwas passiert ist. Ich wollte die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählen.“

Ein Spukschloss am Meer

Nicht nur der Albumtitel stand für de Oliveira von Anfang an fest, sondern auch das Cover: eine Frau, die barfuß aus einem Haus flieht. Wäre ihr Album ein Ort, dann ein Spukschloss am Meer, sagt sie. „Schön, mit einem Abgrund vor der Tür, so wie bei Edgar Allan Poe.“ Mitten in diesem Schloss liegt ein vernebelter Raum. „Shadows in the Fog“ erinnert an eine nächtliche Autofahrt voller Anspannung. „Man sitzt in diesem kleinen Container, aus dem man nicht rauskommt, die andere Person fährt, und man selbst ist nur Beifahrerin.“ Scheinwerfer, die durch den Nebel schneiden, werden zu UFO-Lichtern, Kontrollverlust wird zum Bild für toxische Nähe. Im Studio hat das Team den Song durch ein Tape-Loop-Pedal gejagt. Herausgekommen ist ein Klang wie schlitternde Reifen bei einem Unfall.

Was folgt, ist die Frage, wem man seine Wunden zeigt, wenn man der eigenen Erinnerung nicht mehr traut. Ein gesprochenes Gedicht im Intro von „Wounded Birds (Les Oiseaux blessés)“ erzählt von einem Vogel, der einmal singt und dann stirbt, während seltsame Sounds zwischen beiden Ohren hin und her wabern wie Schatten an der Wand. In das hypnotische Stück fließt ein französischer Dialog, de Oliveira im Verbund mit Cecilia, der Sängerin von Echoberyl. Die beiden unterhalten sich darüber, warum verwundete Vögel sich verstecken: um zu überleben, nicht um zu sterben. „Just because they know you’re already hurt, won’t keep them from hurting you“, singt das Duo und gibt der Angst und dem Teufelskreis der Isolation nach toxischen und traumatischen Erfahrungen eine Stimme.

Zurück zu sich selbst

Das Gerüst der Illusion zerbricht in „The perfect Con“. Harfe und Piano verschmelzen hier mit de Oliveiras tiefer, ruhiger Stimme, die apathisch und nachdenklich klingt wie eine Sirene über dem Meer. Sie vergleicht sich mit einem verstimmten Instrument, singt von Verrat, von Lügen, die man sich selbst erzählt. Es ist der Moment, in dem man nach Jahren der Manipulation zum ersten Mal ehrlich zu sich selbst ist – und der Nebel sich lichtet. Ihre Stimme erinnert an Lana Del Rey und Mazzy Star und bleibt doch ganz in ihrer eigenen Welt, in der sich viele wiederfinden werden, die Ähnliches erlebt haben. Von Dunkelheit und Trauma loszulassen, fühlt sich oft unmöglich an. Gloria de Oliveira hat sich aus dem Nebel gekämpft: „Solche Erfahrungen sind isolierend und mit Scham behaftet“, sagt sie. „Ich möchte das Gefühl vermitteln, dass man damit nicht allein ist.“ Wer ihr Album mit geschlossenen Augen hört, sieht diese schaurig-märchenhafte Welt kristallklar vor sich. Und findet so hoffentlich zu sich selbst zurück.

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