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Richard Price: Die Unantastbaren

Wer sich um Viertel nach eins anderthalb Liter Energydrink und zwei Päckchen Shaolin Power-Gel reinpfeift, der will keine Schäfchen zählen. Und doch macht Billy Graves Nacht für Nacht etwas ganz ähnliches. Als Dienstleiter eines Polizeireviers hat er es allerdings mit den ganz schwarzen Schafen zu tun: den Straßengangs, Freaks und Durchgeknallten von New York. Dabei ist Billy Graves mit seinen 42 Jahren längst kein Haudrauf mehr. Er versucht, den nächtlichen Horrortrip unbeschadet zu überstehen, macht eher eine Bestandsaufnahme und überlässt die Aufklärung des ganzen Irrsinns der Tagesschicht. Wenn er dann um acht Uhr morgens zu seiner Frau Carmen, seinen zwei kleinen Söhnen und seinem dementen Vater zurückkehrt, warten zwar die ganzen Familienprobleme auf ihn, aber eben auch sein wohlverdienter doppelter Wodka mit Cranberrysaft und eine Mütze Schlaf. Früher war das mal ganz anders: Da war er einer jener wilden Heissspunde, die sich die „Wildgänse“ nannten. Jene Horde junger Cops, die zusammen die East Bronx aufmischten, setzten alles daran, um wirklich jeden Verbrecher zur Strecke zu bringen. Und das schafften sie auch fast immer. Doch fünf „Unantastbare“ – ungeschoren davongekommene Verbrecher, denen nichts nachzuweisen war – nagen nach all den Jahren immer noch am Selbstwertgefühl der ehemaligen Straßenbullen. Mittlerweile arbeitet nur noch Billy im Polizeidienst, doch die „Wildgänse“ halten immer noch Kontakt und treffen sich monatlich. Als plötzlich mehrere der „Unantastbaren“ ermordet werden, ahnt Graves, dass einer seiner Freunde anfängt, alte Rechnungen zu begleichen. In einem moralischen Zwiespalt weiß Billy nicht, wie er handeln soll, denn auch er hat in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen, die von seine Freunden gedeckt wurde. Als seine Frau Carmen ein längst verdrängter Fehler einholt und der mysteriöse Stalker Milton Ramos zunehmend die Familie bedroht, erkennt Billy fast zu spät, dass es nicht nur auf den Straßen gefährlich ist, sondern auch dort, wo man es am wenigsten erwartet. „The Wire“-Drehbuchautor Richard Price versteht es mit realistischen Dialogen, dem Leser ein enormes Gefühl von Nähe zu den Handelnden zu vermitteln. Sein szenisch präziser und zugleich schneller und sprunghafter Stil bildet das chaotische Großstadtleben ab. Durch die geschickte Verknüpfung der beruflichen und persönlichen Handlungsstränge um Billy Graves variiert er dabei das Thema Schuld und Sühne in so eindrucksvoller Intensität, dass es einem fast den Atem nimmt. Price zeigt, dass jeder Schuld in sich trägt, doch er gibt nicht vor, wie das zu bewerten ist. Und so fühlt man sich am Ende auch als Leser nervös, aufgeputscht und überdreht wie nach anderthalb Litern Energydrink.

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