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„Ripley“ auf Netflix: Nostalgische Adaption, teuflisch gut gespielt

Tom Ripley (Andrew Scott) als Ripley in „Ripley“
Tom Ridley (Andrew Scott) hat die Identität von Dickie Greenleaf angenommen und führt nun ein Luxusleben unter seinem Namen. (Netflix)

Andrew Scott schlüpft in die Rolle des talentierten Mr. Ripley – für die bisher originalgetreueste Adaption des Highsmith-Romans.

Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ ist bereits etliche Male verfilmt worden. Eigentlich seltsam, dass mit „Ripley“ auf Netflix nun die erste Serienadaption erschienen ist. Kann man Tom Ripley, den Highsmith erstmals 1955 mit der Welt bekannt gemacht hat, doch als Vorläufer der männlichen Protagonisten sehen, die die Serienlandschaft seit über zwei Jahrzehnten prägen: ein amoralischer, hochintelligenter Verbrecher, der uns zugleich abstößt und mitfiebern lässt. Tony Soprano, Walter White oder Barry – sie alle funktionieren nach dem gleichen Muster. Doch Steven Zaillian, der bei „Ripley“ das Drehbuch geschrieben und bei allen Folgen Regie geführt hat, orientiert sich weniger an den Prestige-Serien der letzten Jahrzehnte. Seine Adaption erinnert stattdessen an die Zeit, aus der der Roman stammt, an klassischen Film noir – und das nicht nur wegen der schwarz-weißen Bilder.

Wir treffen Tom Ripley (Andrew Scott) 1961 in New York, wo er sich als Trickbetrüger mit illegal beschafften Schecks gerade so über Wasser hält. Die Steuerbehörde ist ihm bereits auf den Fersen. Da kommt ihm der Auftrag des reichen Mr. Greenleaf gerade recht: Tom soll nach Europa reisen und dort Greenleafs Sohn Dickie (Johnny Flynn) ausfindig machen, der dort auf Familienkosten ein Leben voller Müßiggang führt.

An der Küste Italiens macht Tom Dickie und seine Freundin Marge (Dakota Fanning) ausfindig, beichtet dem Erben allerdings schon bald seinen Auftrag und erklärt, dass er gar nicht daran denke, ihn heimzulocken. Viel lieber lebt er die dolce vita voller Sonne und Müßiggang. Doch als nach zwei Monaten das Geld von Mr. Greenleaf ausbleibt und es zunehmend Spannungen zwischen Tom und Dickie gibt, fasst er einen radikalen Plan. Bei einem Bootsausflug mit Dickie ergibt sich die perfekte Gelegenheit: Tom erschlägt ihn mit einem Ruder und nimmt seine Identität an. Doch nicht nur Marge schöpft bald Verdacht. Über Monate hinweg liefert Tom sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der italienischen Polizei. Und es bleibt nicht bei einem Mord …

„Ripley“ auf Netflix: Geruhsames Tempo und jede Menge Details

Highsmiths Plot lässt Zaillian so gut wie in Ruhe, sein erklärtes Ziel war eine werkgetreue Adaption – und warum eine Handlung ändern, die strukturell ohnehin perfekt ist? Die Miniserie dauert acht Episoden, was Zeit lässt für ein geruhsames Tempo und jede Menge Details. Statt für Langeweile zu sorgen, steigert das vielmehr die Dramatik, denn wir sehen damit die Welt durch die Augen des methodischen Tom, der für alles einen Plan parat hat und nur im Notfall und ungern improvisiert. Scott, der natürlich im Zentrum steht, spielt Tom Ripley als einen Mann fast ohne Eigenschaften: Jede Geste, jedes Lächeln ist kalkuliert, echte Emotionen hat er kaum, außer Stolz, Gier und Ekel. Die Art, wie Zaillian den Mord an Dickie und das darauffolgende Verschwindenlassen der Leiche ausdehnt, ist exemplarisch, denn sie macht überdeutlich: Hier ist nichts spontan, es gibt keinen Zorn, und Reue ebensowenig.

Der Schwarz-Weiß-Look der Serie ist nur der deutlichste Indikator dafür, dass es Zaillian nicht um eine Modernisierung geht. Auch der Soundtrack mit seinen Streichern trägt zur Nostalgie bei, ebenso wie die Performances, die bis in die Nebenrollen überzeugen, auch wenn Andrew Scott mit Abstand das meiste Gewicht trägt. Wo andere Adaptionen wie die Version von 1999 mit Matt Damon in der Hauptrolle das Material geupdatet haben, indem sie etwa den homosexuellen Subtext zu Text gemacht haben, bleibt Zaillian auch hier nah am Original, lässt aber zugleich keinen Zweifel daran, dass Toms Verlangen, Dickie zu sein, nicht nur mit Geld zusammenhängt.

Wer krassere Twists, Cliffhanger und mehr erwartet, wird dementsprechend nicht fündig. Tatsächlich könnte es sein, das Zaillians Retro-Treue einigen ungeduldigeren Fans zu weit geht. Und obwohl Ripley wie erwähnt als Vorläufer diverser Serien-Antihelden gelten könnte, ist er am Ende weniger komplex, als wir es heute gewohnt sind. All das wird „Ripley“ wohl eher nicht zur neuen Event-Serie machen. Wer allerdings Lust hat auf eine stringent durchgezogene Adaption eines der wichtigsten Thriller der Literaturgeschichte, wird hier mehr als fündig.

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