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Roman Ehrlich: Urwaldgäste

Leicht zu ertragen sind sie nicht, die zehn Erzählungen von „Urwaldgäste“. Aber das war bei „Das kalte Jahr“, dem Debüt des 31-jährigen Wahlberliners, auch schon so: Der Roman spielte in einer Welt, die durch einen möglicherweise unnatürlichen Wintereinbruch erstarrt ist, und entwarf ein Szenario, bei dem die Bedrohlichkeit der Gesellschaftsanalyse davon abhängt, wie der Leser die Leerstellen füllt.

In den Erzählungen lässt Ehrlich seine Figuren in Konflikt mit der funktionalen Selbstinszenierung geraten, die von der modernen Arbeitswelt und der Unterhaltungsindustrie gefordert wird: In einer Quizshow entgleist der übliche Smalltalk zwischen Moderator und Kandidatin und wird zu einem aufrichtigen Gespräch, bei einem Vorstellungstermin erzählt der Bewerber plötzlich von seinem Schulfreund aus der fünften Klasse, und ein IT-Spezialist leiht sich jeden Abend in einer Videothek Pornofilme aus, die er auch gratis im Internet schauen könnte, nur um den kurzen Kontakt mit der Frau an der Ausleihe erleben zu können.

Und schließlich ist da in der zweigeteilten und mit 90 Seiten längsten Erzählung „Die Intelligenz der Pflanzen“ ein Hersteller künstlicher Dekopflanzen, der eine Agentur beauftragt, auf für ihn unvorhersehbare Weise in sein Leben einzugreifen. Auch er ist auf eine Sinnlosigkeit gestoßen, die so komplex ist, dass man dafür keinen Schuldigen ausmachen kann. Vielleicht kommt er aber der Erkenntnis am nächsten, dass man der absurden Wirklichkeit nur entgehen kann, wenn man ihr ein fiktionales Konstrukt entgegensetzt, das man entwerfen, durchführen und vor allem leben muss. (cs)

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