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Ronya Othmann erhält Mara-Cassens-Preis

Ronya Othmann Mara-Cassens-Preis
Ronya Othmann(c) Cihan Cakmak

Für ihren Debütroman Die Sommer verleiht das Literaturhaus Hamburg der jungen Autorin Ronya Othmann den Mara-Cassens-Preis. Dieses Jahr ist der Literaturpreis mit 20 000 Euro dotiert und damit seit langem der höchstdotierte Preis für einen deutschsprachigen Debütroman.

Die Jury des Mara-Cassens-Preises besteht aus ehrenamtlichen Leser*innen. Die 15 Mitglieder des Literaturhaus-Vereins trafen aus insgesamt 58 eingereichten Debütromanen eine Vorauswahl von elf Favoriten. Zu diesen zählen unter anderem Daniel Mellem mit „Die Erfindung des Countdowns“, Deniz Ohde mit „Streulicht“ und Olivia Wenzel mit 1.000 Serpentinen Angst.

Ronya Othmann blickt auf unsere Zeit

Für „Die Sommer“ von Ronya Othmann entschied sich die diesjährige Jury, weil der Roman einen zeittypischen Blick auf die Zerrissenheit und die Identitätssuche einer Protagonistin mit Migrationshintergrund wirft: Leyla wächst als Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden in München auf, verbringt aber die Sommerferien jedes Jahr im Dorf ihrer Großeltern in Nordsyrien. Atmosphärisch dicht erzählt sie vom archaischen Leben im Dorf und der engen Bindung zur religiösen Großmutter, doch von Sommer zu Sommer mischt sich in den kindlichen Blick ein Verstehen. Leylas Vater, der nicht für Assads Geheimdienst arbeiten wollte, erzählt ihr von seinen Entbehrungen, der lebensgefährlichen Flucht nach Deutschland und der jahrelangen Verschleppung seines Asylantrags. Später müssen auch die Großmutter und der Rest der Familie die Heimat verlassen, und Leyla ist Studentin in Leipzig, als sie die Zerstörung Aleppos und die Massaker des IS im Internet verfolgt.

Aus der Jurybegründung heißt es: „Das Beeindruckende an diesem Roman ist, dass er nicht belehrt und man doch so viel lernt: über die Musik, über den Engel in Pfauengestalt, über die Zubereitung von Speisen; ebenso wie über den Krieg in Syrien, die Bedrohung, die Flucht. Die Autorin beschreibt statt zu bewerten, sie erzählt ohne erschöpfend zu erklären. Über die Geschichte der Verwandten, die nach Deutschland kommen, tauchen wir ein in die Innenwelten von Menschen, die wir gemeinhin als Flüchtlinge bezeichnen. Begreifbar wird so, was die Erfahrung, als Angehörige einer Minderheit unterdrückt und angegriffen zu werden, mit Menschen macht – mit denen, die bleiben und sich arrangieren, und mit denen, die aufbegehren und fliehen müssen in der Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit. Die Suche nach der eigenen Identität einer jungen Frau, die mit zwei Kulturen aufwächst und sich keiner gänzlich zugehörig fühlt, wird überzeugend dargestellt. Die Zerrissenheit zwischen diesen Welten fühlen wir als Leserinnen und Leser mit. Ronya Othmann bereichert mit ihrem Debütroman ›Die Sommer‹ die deutsche Literatur; eine Stimme, von der wir in Zukunft gerne mehr lesen würden.“

Ursprünglich war die Verleihung des Mara-Cassens-Preises für den 7. Januar 2021 im Literaturhaus Hamburg geplant. Aus bekannten Gründen wird die Veranstaltung verschoben. Neuer Termin ist der 5. Mai 2021.

Weitere Infos gibt es auf der Webseite des Literaturhaus Hamburg.

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