KULTUR

Schauspiel Stuttgart: „Waste!“ beschäftigt sich mit der europäischen Abfallindustrie

Schauspiel Stuttgart: Waste!
Die Darsteller von „Waste“Foto: Björn Klein

Kompletter Müll am Schauspiel Stuttgart? Nein, an der schwäbischen Bühne geht es in dem Stück „Waste!“ der rumänischen Autorin und Regisseurin Gianina Cărbunariu ganz seriös um die ökologischen, ökonomischen und politischen Verstrickungen der europäischen Abfallindustrie und deren Auswirkungen in Ländern wie Rumänien – in Form eines Dokumentar-Märchens. Uraufführung ist am 17. März.

Tickets gibt es hier.

Schauspiel Stuttgart: Was ist unsere Hinterlassenschaft? Müll!

Viele von uns trennen Müll. Der Autor dieser Zeilen stellt alle zwei Wochen zwei bis drei Säcke mit Wertstoffen an die Straßenecke (die Vermieter sehen keine Notwendigkeit für eine gelbe Tonnen), damit sie am nächsten Morgen von der Stadtreinigung abgeholt und der Müll darin wiederverwertet werden kann. Wenn der Termin verpasst wird, lagert der Müll gar vier Wochen auf dem Balkon oder in der Abstellkammer. Alles für die Umwelt – oder doch nicht? Denn etwa fünfzig Prozent der Plastikabfälle der gelben Tonne wird gar nicht recycelt, sondern verbrannt, zum Beispiel in Zementwerken oder in Ländern wie Rumänien, wo man es mit den Umweltbestimmungen nicht so genau nimmt. Dorthin gehen auch nicht-recycelbare, gefährliche Substanzen, deren Verbrennung die Bevölkerung krank macht.

Daraus ergeben sich wichtige Fragen: Ist die EU nur von rücksichtslosen Wirtschaftsinteressen motiviert? Benutzt sie das Wirtschaftsgefälle, um ökologische Probleme auf Kosten anderer zu lösen und billige Arbeitskräfte zu rekrutieren? Und was bleibt überhaupt von unserer Zivilisation übrig, wenn Konsum zum obersten Daseinszweck erklärt wird und alles, was von uns bleibt, globale Müllberge sind? Es scheint klar, dass die Abfallwirtschaft ganz neu organisiert werden muss – was unsere konsumistische Lebensweise grundsätzlich infrage stellt.

Gianina Cărbunariu: Expertin für solche Themen

Die rumänische Autorin und Regisseurin hat sich auf dokumentarische Theaterformen spezialisiert. Dafür hat sie ausführlich recherchiert und fiktive Szenerien entwickelt, aus denen sehr ungewöhnliche, dynamische Theaterstücke werden. Cărbunarius größte Fähigkeit: Konkrete Themen zum Ausgangspunkt für eine grundsätzliche Befragungen der Gegenwart nehmen und diese mit theatralischen Mitteln aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Auch „Waste!“ ist so entstanden . Luftverschmutzung und die schleichende Vergiftung von Gewässern nehmen durch den EU-Müll zu, was das ökonomische Problem mehr und mehr zu einem politischen macht. Denn: Die extreme Rechte in Rumänien instrumentalisiert den wachsenden Unmut in der Bevölkerung  und vergrößert ihren Einfluss innerhalb der Protestbewegungen. Da soll niemand glauben, dass der Müll weg und erledigt ist, wenn er in die Tonne geworfen wurde.

Im neuen Roman von Wolf Haas geht es übrigens auch um Müll. Ein Interview mit dem Bestsellerautor zu seinem Buch „Müll“ gibt es hier.

Über Gianina Cărbunariu

1977 geboren, ist sie eine der bekanntesten Stimmen des rumänischen Theaters. Seit 2004 arbeitet sie europaweit als Regisseurin und Dramatikerin, unter anderem an Theatern in London, Madrid, Bologna, Stockholm, München und Berlin. Ihre Theaterarbeiten wurden auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt, etwa dem Festival d’Avignon, den Wiener Festwochen, dem New Drama Festival in Moskau und dem Festival TransAmériques in Montreal.Sie erhielt diverse Auszeichnungen für ihre Regie und Dramatik. Ihre Stücke, die sich vorwiegend sozialpolitischen Themen im europäischen Kontext widmen, wurden vielfach übersetzt. 2020 feierte der Film „Uppercase Print“ (Regie: Radu Jude) auf den Filmfestspielen in Berlin Premiere, der auf einem Theaterstück von Gianina Cărbunariu beruht. Seit 2017 ist sie künstlerische Leiterin des Teatrul Tineretului und Kuratorin des Theaterfestivals in Piatra Neamţ. Rumänien.  „Waste!“ ist Gianina Cărbunarius erste Arbeit am Schauspiel Stuttgart.

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