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„Müll“ von Wolf Haas: Die Dialektik der Nebensache

Portraitfoto Wolf Haas
Foto: Gerry Nitsch

Herr Wolf Haas, der neue Brenner-Krimi „Müll“ kommt nach acht Jahren Pause. Davor waren es fünf Jahre. Wird es schwieriger, gute Plots zu finden?

Wolf Haas: Ich finde es nicht schwierig, einen Plot zu schreiben, sondern eher, von ihm wegzukommen.

Bei Ihnen ist es ja komplizierter, weil nicht nur die Kriminalfälle wichtig sind, sondern mindestens zur Hälfte auch das Privatleben von Brenner und seiner Umgebung eine bedeutende Rolle für die Handlung spielt.

Haas: Genau, die Nebensachen werden zu den Hauptsachen. Aber da gibt es die dialektische Schwierigkeit, dass sie ja dann die Hauptsachen sind, und wieder werden die neuen Nebensachen zu den Hauptsachen ad infinitum.

Oder ist es die Hinwendung zu anderen Formaten wie die Romane „Das Wetter vor 15 Jahren“ oder „Junger Mann“, die ihre Zeit beansprucht, so dass Sie Simon Brenner eine längere Zeit sich selbst überlassen müssen?

Haas: Den Brenner hab ich eigentlich mit dem sechsten Band „Das ewige Leben“ im Jahr 2003 verabschiedet. Aber manchmal meldet er sich zurück.

In einem früheren Krimi kam schon mal Menschenfleisch in einem Landlokal in den Umlauf, ein andermal wurden Dialysepatienten systematisch mit Zucker getötet. Wie gehen Sie bei der Findung solcher Themen vor?

Das ergibt sich meistens beim Schreiben. Im Fall der Dialyse kam es von der Bach-Zeile ,Komm, süßer Tod‘. Bei mir folgt der Plot teilweise der Sprache.

„Ich schau schon immer, dass ich mich irgendwo hin schreibe, wo es mir Spaß macht. Sonst wäre es ja schade um die Zeit.“ Wolf Haas über den neuen Brenner-Krimi „Müll“

Stimmt es, dass Wien die weltweit beste Mülltrennung hat wie von Ihrem Erzähler in „Müll“ behauptet?

Haas: Zumindest ist unsere Stadtregierung sehr stolz darauf. Ob es stimmt, ist schwer zu sagen, aber ganz schlecht läuft es nicht. Der Müll ist ja ein wichtiger Machtfaktor, wie man in Städten wie Neapel sieht, wo die Müllentsorgung in den Händen der Mafia liegt.

Das Thema Recycling zieht sich konsequent als roter Faden durch die Handlung. Dann kommt das Finale mit einer großen Umweltsauerei. Ich unterstelle Ihnen einen großen Spaß beim Schreiben solcher Brüche.

Haas: Es geht ja auch um das Recycling menschlicher Organe. Ich schau schon immer, dass ich mich irgendwo hin schreibe, wo es mir Spaß macht. Sonst wäre es ja schade um die Zeit.

Auch eine alte Tradition in Großstädten von vor über 100 Jahren findet bei Ihnen ihr Recycling: Die Tradition der Bettgeher, auch Schlafgänger genannt: Simon Brenner zahlt aber nicht, er schleicht sich als „Geist“ in Wohnungen reicher Menschen ein, die gerade woanders wohnen oder Urlaub machen, und wohnt dort heimlich. Ist das aktuell gesellschaftlich ein Thema in Wien?

Haas: Es ist nicht gerade ein breites Thema, aber so Sachen wie Mietnomaden, die einfach die Miete nicht bezahlen, sind auch nicht so selten. Und ich hab auch mal in der Zeitung gelesen von diesen Leuten, die in fremden Haushalten mitleben. Eine Art unbezahltes Airbnb. Angesichts der steigenden Mietkosten sind das schon interessante Herangehensweisen.

Wo sehen Sie Simon Brenner in sieben Jahren?

Haas: Nach jedem Brenner bin ich mir sicher, dass ich keinen mehr schreib. Aber ich lass mich überraschen.

Wird er noch als Rentner ermitteln? Wie hoch wird seine Rente sein?

Haas: Der wird nicht viel Rente kriegen. Aber er wird schon Mittel und Wege finden, sich irgendwie durchzuschlagen.

Oder kommt wieder ganz was anderes?

Haas: Jetzt kommen mal die Monate mit Lesungen aus dem neuen Buch, und dann schau ich weiter.

Wollen Sie irgendwann den Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“ in seiner formalen Gestaltung übertreffen? Er bestand ja nur aus fiktiven Interviews mit dem Schriftsteller Wolf Haas zum fiktiven Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“.

Haas: Die formale Radikalität war mir auch damals eigentlich kein Anliegen, ich wollte mich nur selbst unterhalten. Aber grundsätzlich ist das schon eine Richtung, die mir Spaß macht.

 

Buchcover „Müll“ von Wolf Haas

Seit sechs Jahren hatte Wolf Haas keinen Simon-Brenner-Krimi veröffentlicht. Sein Held Brenner, der früher als Kripobeamter und dann als Privatdetektiv gearbeitet hatte und später mit Jobs als Rettungssanitäter und Privatchauffeur sein Geld verdiente, wird schon wieder in einen Mordfall verwickelt. Brenner arbeitet inzwischen auf dem Mistplatz in Wien, wo angeblich die beste Mülltrennung der Welt herrscht. Sagt jedenfalls der Brenner. Dieses Setting hat Wolf Haas bewusst gewählt, handelt doch sein gesamter Krimi diesmal vom Recycling: Müll und Menschenorgane werden der Wiederverwertung zugeführt, und das Credo eines Mörders wird sogar in der Mordinspektion wiederverwendet, wo es so überzeugend ist, dass es zur zweimaligen Beförderung verhilft.

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