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Wolf Haas: Junger Mann

Die besten Bücher im Januar

Kaum jemand hat in den letzten Jahren so sehr mit der Romanform experimentiert wie Wolf Haas. „Das Wetter vor 15 Jahren“ war ein Liebesroman, der nur aus Interviews mit dem fiktiven Schriftsteller dieses fiktiven Romans bestand, und in der Rezension von „Die Verteidigung der Missionarsstellung“ attestierte kulturnews dem Autor „das Aufbohren des Romans“ angesichts eines Vexierspiels mit den Protagonisten auf gleich mehreren Erzählebenen. In „Wie die Tiere“, ein Krimi der Reihe mit Detektiv Simon Brenner, kippt der Roman komplett in Satire um, wenn Haas Georg-Kreisler-like von einem Hundemörder erzählt, der Kekse mit Stecknadeln bestückt und im Wiener Augarten ausstreut, bis die Hundebesitzer Kopf stehen. Auch mit dem Gedächtnisverlust seines Protagonisten Brenner hat Haas schon in „Das ewige Leben“ gespielt, wo der Leser sich gemeinsam mit seinem Helden nach einem Kopfschuss überhaupt erst wieder in die Vergangenheit hineinfräßen muss.

Nichts von diesen formalen und inhaltlichen Waghalsigkeiten, die das Markenzeichen von Wolf Haas sind, taucht in „Junger Mann“ auf. Der Ich-Erzähler ist ein 13-jähriger namenloser Junge aus Maria Alm am Steinernen Meer in Österreich, der beschließt, über die Sommerferien gewaltig abzunehmen, weil: Er ist verliebt in die Elsa. Doch die hat einen Freund, den Tscho. „Junger Mann“ ist ein leiser Coming-of-Age-Roman ohne gängige Katastrophen, dafür mit dem Haas-typischen Humorsound unterlegt. Ein Sommer der Abenteuer für den Helden, der als Gymnasiast an einer Tankstelle jobbt und plötzlich in einem LKW nach Thessaloniki sitzt. All das wird uns so entspannt und zurückgelehnt erzählt, wie das nur für einen Sommer der 1970er funktioniert. Am Ende der Geschichte ist der Junge – sein Vater sitzt im „Irrenhaus“ und wird mit „Herr Haas“ angesprochen! – zwar noch nicht erwachsen, hat aber in nur wenigen Wochen einen enormen Weg dorthin zurückgelegt. Und wir wissen jetzt, wie es in der Jugend des Schriftstellers Wolf Haas ausgesehen haben mag – wenn er uns nicht doch wieder reingelegt hat, diesmal mit einem autobiografischen Entwicklungsroman. jw

Wolf Haas Junger Mann

Hoffmann und Campe, 2019, 240 S., 14 Euro

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