Tanzbein statt Zeigefinger: „Euphoria“ von Schiller – Interview zu neuem Album + Gewinnspiel
Während andere ein schlechtes Gewissen haben, kehrt Christopher von Deylen zum Hedonismus der 90er zurück. Aber was, wenn plötzlich doch Haltung gefragt ist? Weiter unten verlosen wir Schillers neues Album „Euphoria“ auf Vinyl.
Christopher, du hast den Albumtitel „Euphoria“ als kleines Wagnis bezeichnet. Warum?
Christopher von Deylen: Aus meiner Perspektive ist er ein Wagnis, weil Euphorie – in der Konnotation von hemmungslosem Hedonismus, mit Loslassen und Eskapismus – gesellschaftlich ja als problematisch eingestuft wird. Der Einzelne ist heute umzingelt von Zeigefingern und verschränkten Armen. Wer einfach Spaß haben und zum Beispiel in Urlaub fahren will, wird aufgerufen, sich seines CO2-Abdrucks bewusst zu sein. Das sind Gründe, warum aktuell gefühlt alle schlechte Laune haben – und die vielen Krisen tun ihr Übriges.
Musikalisch bist du zu den 90ern zurückgekehrt. Waren Euphorie und Hedonismus damals noch selbstverständlicher?
Von Deylen: Jede Dekade hat ja ihren Stempel, und die 90er gelten als das Spaßjahrzehnt – das war zuerst verniedlichend gemeint, dann aber auch kritisch. Aus meiner Sicht waren sie vor allem geprägt von einem Freiheitsdrang: Es ging darum, die Grenzen der individuellen und kollektiven Freiheit auszuloten. Bisher habe ich immer versucht, in meiner Musik das aufzunehmen und zu kanalisieren, was ich als Vibe in der Gesellschaft wahrnehme. Hätte ich das dieses Mal auch getan, würde das Album eher „Dystopia“ heißen. (lacht) Stattdessen ist es das erste meiner Alben, dass das Gegenteil von dem proklamiert, was ist. Es ist ein Soundtrack zum Hedonismus – ein Wort, das vollkommen zu Unrecht hauptsächlich negativ konnotiert ist.
Wie hat sich diese Rückkehr musikalisch konkret niedergeschlagen?
Von Deylen: Vor der „Back to the Roots“-Formel habe ich eigentlich Angst, weil ich sie auch bei anderen nie gelten lasse. Ich sehe das oft als geschönte Paraphrase von: Mir fällt nix mehr ein, also fange ich von vorne an. (lacht) Das war hier nicht die Absicht. Ich habe über viele Alben versucht, den elektronischen Rhythmus bewusst auszuladen, weil er mir zu profan und durchschaubar vorgekommen ist. Vor allem, als in den 2010ern EDM populär geworden ist: kommerziell sehr erfolgreich, aber für jemanden, der diese Stile von Anfang an verfolgt hat, ein bisschen, als hätte man die 90er-Jahre bei Temu bestellt. (lacht) Doch als ich wieder angefangen habe, aufzulegen, habe ich gemerkt, dass da doch viel passiert ist, was mich interessiert, zum Beispiel im Melodic Techno, oder Musik aus der Ukraine.
Die Ukraine spielt auf dem Album eine zentrale Rolle, du hast ukrainische Künstler:innen dabei und trittst bis heute regelmäßig dort auf. So rein eskapistisch ist das alles also auch nicht, oder?
Von Deylen: Der permanente Aufruf, gefälligst irgendeine Art von Haltung zu haben, womit ja meistens die „richtige“ gemeint ist, ist an der Künstlerschaft nicht spurlos vorübergegangen. Ich versuche, eher weniger über das zu sprechen, was man bei mir vielleicht als Haltung bezeichnen könnte. Kurz vor der Veröffentlichung des Albums fahre ich wieder nach Kiew, um da ein großes Konzert zu geben. Ich liebe die Ukraine, die Resilienz, den Optimismus. Die Leute hätten ja längst aufgeben können – jeder kennt dort jemanden, der umgekommen ist. Aber stattdessen sagen sie: Nein, das ist unser Land, das ist unsere Kultur, unsere Art zu leben. Wir wissen nicht, ob wir es schaffen, aber nur aufgrund der Ungewissheit einfach den Hausschlüssel zu übergeben – das machen wir auch nicht.
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