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Schirn Kunsthalle Frankfurt: Neuer Direktor Sebastian Baden will die Vielfalt betonen

Ein Mann mit Brille guckt in die Kamera
Sebastian Baden in der SchirnFoto: Gaby Gerster

Sebastian Baden ist der neue Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt und möchte die Vielfalt betonen, die die Kunst bietet.

  • Sebastian Baden ist seit 1. Juli 2022 neuer Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt.
  • Die Schirn ist eines der bekanntesten Museen Europas.
  • kulturnews traf den neuen Direktor zum Interview und sprach mit ihm über seine Pläne für das Haus.

Herr Baden, Sie haben nach Ihrer Ernennung zum neuen Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt am 1. Juli 2022 gesagt: „Es ist meine Überzeugung, dass die Komplexität der Gegenwart zunehmend bedroht ist und wir deshalb besonders von der Kunst lernen können, wieviel Potenzial in der Vielfalt liegt.“ Was genau haben Sie vor?

Kunst hat in meinen Augen immer eine gesellschaftliche Funktion und trägt mit ihrer Vieldeutigkeit zur sozialen und ästhetischen Kompetenz der Menschen bei. Wir erleben immer wieder, dass unsere demokratische Gesellschaft ihre Freiheiten neu aushandeln muss. In diesem Prozess sehe ich eine Komplexität, die sich auch in der Kunst widerspiegelt. Ich halte das individuelle Engagement im Sinne einer gegenseitigen Verantwortung für notwendig, und auf diesen Topos machen auch zeitgenössische Künstler:innen aufmerksam. Kunst und ihre unterschiedliche Wahrnehmung sind deshalb perfekt, um das Lernen nicht zu verlernen. Und gerade die Schirn ist dafür der ideale Ort mit ihrem Ausstellungsprogramm an moderner und zeitgenössischer Kunst und mit ihren differenzierten Vermittlungsangeboten. Mit dem kuratorischen Team werde ich daran in Zukunft weiterarbeiten. Eine Neuausrichtung bedeutet in der aktuellen Situation: Eigenständigkeit, neue Zusammenhänge schaffen, relevante Themen setzen und den Fokus auf die Gegenwart richten – aber auch den kunsthistorischen Blick zurück nicht vergessen.

Sie waren zuvor Kurator für zeitgenössische Kunst, Skulptur und Neue Medien an der Kunsthalle Mannheim. Was ist Ihre Qualität, um das große Schiff Schirn zielsicher durch diese durch Corona, Krieg und Klimakrise veränderte weltpolitische Koordinaten auch für die Kunst schwierigen Zeiten zu steuern?

Ich bin ein Mensch, der sich für die Kunst und deren Publikum gleichsam einsetzt: Als Kunstvermittler, Künstler und Kunstwissenschaftler habe ich meine bisherige Arbeit vielseitig ausgerichtet und habe als Kurator für zeitgenössische Kunst und Neue Medien auf transdisziplinäre Projekte, Partnerschaften, etwa mit Hochschulen, Expert:innen und freien Initiativen gesetzt. Ich vermag es, ein Team zu motivieren und auf die gemeinsame Arbeit zu fokussieren; gerade in herausfordernden Zeiten zählt die gegenseitige Unterstützung – wie auf einem Schiff, sie haben die Metapher richtig gewählt. Und ich schließe hier bewusst auch die zahlreichen, oft langjährigen Kooperationspartner, Förderer und Unterstützer der Schirn mit ein. Sie sind elementarer Teil unserer erfolgreichen Arbeit.

Die gläserne Rotunde der Schirn Kunsthalle
Rotunde der Schirn Kunsthalle Frankfurt, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016 Foto: Norbert Miguletz

Schirn Kunsthalle: Die gesellschaftliche Relevanz von Kunst

Nur knapp 145 Kilometer von der Schirn entfernt gab es auf der documenta fifteen gerade einen großen Antisemitismusskandal. Wenn man auch die Diskussion um koloniale Raubkunst z. B. beim Humboldt Forum bedenkt: Die Kunst scheint heute politischer denn je. Was hat das für Auswirkungen auf die Schirn und Ihre Arbeit?

Die Kunst war schon immer politisch. Es gibt keine unpolitische Kunst. Es gibt nur ein bestimmtes Framing, eine Präsentationsform, in der man unterschiedliche Aspekte von Kunst bewerten und hervorheben kann. Die von Ihnen angesprochenen, hoch relevanten Debatten zeigen deutlich die gesellschaftliche Relevanz von Kunst für das Miteinander. Es werden zentrale Fragen der Gegenwart verhandelt. Gerade hier hat die Schirn in der Vergangenheit bereits einen großen Beitrag geleistet, mit einem diskursiven Programm und fortschrittlichen Vermittlungsangeboten an ein großes Publikum. Fragen von Dekolonisierung, Antirassismus, Transkulturalität, Diversität, und nicht zuletzt die Dialektik der Aufklärung – als Erbe der sogenannten Frankfurter Schule – werden wir weiterhin in den Blick nehmen. Das Prinzip des Kollektivs hat auf der documenta fifteen eine an vielen Stellen herausragende Ausstellung produziert. Eigentlich wäre das ein Game Changer für die Kunstgeschichte, der in der Teilhabe und Mitsprache besteht. Aber es wurde deutlich, dass die kuratorische Arbeit bei der Auswahl der Werke sensibel und professionell sein muss, um eben keine Vorurteile und Diskriminierungen zu reproduzieren, sondern im Gegenteil abzubauen. Dies gilt gerade mit Blick auf unterschiedliche kulturelle Kontexte. Es sind Lern- und Dialogbereitschaft sowie Kritikfähigkeit notwendig, um letztlich das Potenzial der Begegnung entfalten zu können. Und gerade diskursive Themen multiperspektivisch zu bearbeiten – und damit und letztlich die Demokratie zu stärken

Die schwedische Kunstsatire „The Square“ von 2017 hat ihre Hauptfigur, einen Museumsdirektor, als eitlen Mann dargestellt, der für die Abgehobenheit des Kunstbetriebs steht. Ist da was dran? 😉

Ich finde den Film um den Kurator Christian und die Idee des „Square“ ganz toll und habe mich sehr amüsiert. Jede Parodie hat ihren wahren Hintergrund – und ja, man darf den Kunstbetrieb kritisieren. Humor ist für mich ein wichtiger Teil der Kommunikation, gerade auch in der Kunstvermittlung.

Verraten Sie uns Ihr Lieblingskunstwerk.

Es gibt ein besonderes Kunstwerk, das sich als – sogar in Frankfurt gestochenes – Tattoo auf dem rechten Augenlied von Timm Ulrichs ablesen lässt: „The End“. Der Künstler macht sich und sein Leben zu einem Kunstwerk, auch über den Tod hinaus. Diese konzeptuelle, selbstironische Kunst mag ich sehr.

Interview: Volker Sievert

Aktuell laufen in der Schirn Kunsthalle die Ausstellung Ugo Rondinone – Life Time und zwei Videoinstallationen von Aernout Mik.

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