Selbstregulierung des Herzens von Peggy Mädler
Die Liebe in den Zeiten der Mangelwirtschaft: Mit Selbstregulierung des Herzens blickt Peggy Mädler auf drei junge Paare in der DDR.

Noch ein Roman über Ostdeutschland?
In den letzten Jahren wurde angesichts des zunehmenden Rechtsrucks, der sich insbesondere in Ostdeutschland abzeichnet, sehr viel über das Leben in der DDR und die Nachwendezeit geschrieben, und das vor allem aus weiblicher Perspektive. Anscheinend nicht genug, denn Peggy Mädler, Schriftstellerin und Dramaturgin, die bekannt dafür ist, das Leben in Ostdeutschland literarisch aufzuarbeiten und ihm so eine Sichtbarkeit zu verleihen, hat es mit ihrem Roman „Selbstregulierung des Herzens“, einem Porträt der DDR, bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft.
Zwischen Gehen und Bleiben
Der Roman zeichnet das Leben dreier Paare aus einer auktorialen Perspektive von den 60er-Jahren bis ins Jetzt fragmentarisch nach. Die Hauptfigur Georg, ein zurückhaltender, opportunistischer Informatiker, ist ein Protagonist der Grautöne und lässt sich irgendwo zwischen Mitläufer, Täter und Opfer des totalitären Systems verorten. Um ihn herum formiert sich ein Netz aus Figuren: Von der Grafikdesignerin über die Kinderärztin und die Leiterin in der Materialwirtschaft bis hin zur Arbeiterin in einem Chemiewerk ist alles dabei. Die verschiedenen Berufe ermöglichen einen breitgefächerten und vor allem gut recherchierten Einblick in die Strukturen der DDR. Und in deren Schwachstellen. Mädler erzählt, wie die Prekarität der Arbeitsbedingungen die emotionalen Zustände der Menschen und ihre Beziehungen beeinflusst. Es geht um den anfänglichen Optimismus dem Sozialismus gegenüber, der übergeht in erste Skepsis, lauter werdende Zweifel. Es geht um das Gehen, das Bleiben und auch das unbewusste sowie bewusste Wegschauen.
Die Kybernetik als roter Faden
Der rote Faden des Romans ist der etwas sperrige und abstrakte Begriff Kybernetik. Mädler bezieht den Mechanismus der Kybernetik, also den Mechanismus der Selbstregulierung, auf die Gesellschaft der DDR. Jedoch bleibt die Kybernetik bis zum Schluss eine Hoffnung, die sich nicht erfüllt: „In den Achtzigerjahren schien ihm das Geflecht aus dysfunktionalen Abläufen und Einstellungen kaum mehr durchdringbar, kein Außenblick möglich, das Land abgeschlossen, eingezäunt und doch keine Insel. Auch das Herz ist ein dynamisches, sich selbstregulierendes System, das kollabiert, wenn es nicht mehr richtig pumpen kann.“ Allerdings bleibt die sich wiederholende Referenz auf die Kybernetik bis zum Schluss unzugänglich, wirkt konstruiert und verbindet sich nicht organisch mit der Handlung.
Fehlender Ausgleich zwischen Technik und Emotion
Die technischen Ausführungen über die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zustände der DDR nehmen stellenweise eine fast essayistische Form an, werden aber mit sehr ehrlichen Passagen über die Liebe im Alltag und deren Schattenseiten aufgelockert. Insgesamt liest sich der Roman aber trotzdem etwas zäh und schleppend, da kein Moment der überbordenden Gefühle und emotionalen Grenzzustände vorkommt. Immer wieder wird man von den technischen und detailreichen Ausführungen über das System der Planwirtschaft ausgebremst. Zudem wirken die Protagonisten alle irgendwie gefasst, sortiert, vernünftig – vielleicht auch ein Spiegel des Systems, in dem sie leben. „Selbstregulierung des Herzens“ ist kein Buch, das einen staunen lässt, eher eins, das anstrengt, da die emotionalisierende Wirkung fehlt. So wirkt es eher wie eine Dokumentation, in die ein paar Weisheiten über die Liebe eingestreut wurden. Und doch lässt Mädler einen durch die Linse der Vergangenheit die jetzige politische Situation in Ostdeutschland besser, fundierter verstehen.
„Und hier? Lauter Schulden und Habenichtse der Planwirtschaft. Mit kaputten Gliedern, Herzen und Köpfen. Alt vor der Zeit. (…) Müde vom Warten auf eine bessere Zukunft. Hier hatte sich kein Versprechen eingelöst und hier würde sich auch so bald keines einlösen. (… ) Verbraucht war das Land, heruntergewirtschaftet und auf Verschleiß gefahren, graue Fassaden, graue Gardinen und graue Gesichter, hängengeblieben in den Siebzigerjahren.“
Daraus ergibt sich auch die brennende Aktualität des Romans, denn er vermag, die Frustration der Menschen nachzuvollziehen, die durch die erzwungene Anpassung an die verschiedenen Systeme entstanden ist: erst an einen autoritären Sozialismus, dann nach der Wende an einen alles überrollenden Kapitalismus, der die individuellen und wirtschaftlichen Lebensrealitäten ostdeutscher Menschen völlig außer Acht gelassen und eine ganze Bevölkerungsgruppe abgehängt hat. Und das teilweise bis heute.
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