FILM

Sias Regiedebüt „Music“ auf DVD: Totalversagen

Diesen Freitag, den 5. März, erscheint „Music“ auf DVD, das Regiedebüt der Musikerin Sia. Ein einfacher Titel, könnte man meinen, für einen einfachen Film. Die Geschichte ist dann auch – was immer man davon halten mag  – nichts Ungewöhnliches für Hollywood: Zwei entfremdete Schwestern, die eine Autistin, die andere nicht, finden nach dem Tod der Großmutter wieder zusammen. „Rain Man“ für das 21. Jahrhundert, untermalt mit ein paar neuen Sia-Songs. Aber an „Music“ ist nichts einfach, und der Film hat schon Monate vor seinem Release für allerhand Kontroverse gesorgt.

Auslöser war Sias Entscheidung, die Hauptrolle der autistischen Music (so heißt die Figur tatsächlich) mit Maddie Ziegler zu besetzen. Die junge Tänzerin kennt man von vorherigen Kollaborationen mit Sia, sie ist unter anderem im Clip zu „Chandelier“ aufgetreten.

Vor allem aber ist sie nicht auf dem Autismus-Spektrum. In der Folge haben autistische Fans und Kritiker*innen Sia dafür kritisiert, keine autistische Schauspielerin gecastet zu haben. Auch die Art, wie Autismus im Film dargestellt wird, hat Widerspruch erregt. So wird Music mehrmals von ihrer Schwester und anderen Figuren festgehalten, um sie zu beruhigen – eine Technik, die umstritten ist, weil sie potenziell missbraucht werden kann. Sia erklärte, diese Szenen in Zukunft aus dem Film streichen zu wollen. Auf andere Vorwürfe reagierte sie jedoch aggressiv, bis heute ist ihr Twitter-Account gesperrt.

Die Debatte ist in Zeiten von „cancel culture“ keine Überraschung. Für Filmfans, die die Kontroverse nicht verfolgt haben, kann sie allerdings vor allem verunsichernd sein. Immerhin hat Dustin Hoffman in „Rain Man“ auch einen Autisten gespielt und dafür sogar einen Oscar bekommen. Andererseits war das 1989. Sollten wir heute nicht weiter sein? Und kann man heute noch Filme genießen, die in Sachen Repräsentation hinterherhinken, die vielleicht sogar der Gruppe schaden könnten, die sie abbilden wollen?

„Music“: Hauptfigur als Gegenstand

Insofern ist es fast eine Erleichterung, dass sich diese Frage bei „Music“ überhaupt nicht stellt. Denn der Film ist, jenseits aller Debatten, auf jeder Ebene missglückt. Dabei spielt natürlich auch die Hauptfigur eine große Rolle. Doch selbst, wenn Music von einer anderen Darstellerin verkörpert würde, könnte das Sias Debüt nicht retten. Verteidiger von Sias Entscheidung pochen gern darauf, dass jede*r Schauspieler*in jede Rolle spielen darf – es kommt darauf an, wie diese im Kontext des Films rüberkommt.

Und genau hier liegt das Problem: Music verkommt in ihrem eigenen Film zur Karikatur, man will fast sagen: zum Gegenstand. Denn wie schon bei „Rain Man“ rückt nur allzu bald das andere Geschwister ins Zentrum der Handlung, in diesem Fall Musics Schwester Zu (Kate Hudson). Die ist trockene Alkoholikerin, dealt mit Drogen und möchte mit Music anfangs nichts zu tun haben. Doch der Umgang mit ihrer Schwester lässt Zu nach und nach erkennen, was es bedeutet, sich um andere Menschen zu kümmern. Leider bekommen wir nur erstaunlich wenig Interaktionen zwischen Zu und Music zu sehen, einen weit größeren Platz nimmt Zus aufkeimende Beziehung zu Nachbar Ebo (Leslie Odom Jr.) ein. Bald ist klar: Die eigentliche Protagonistin des Films ist Zu – Music dient vor allem dazu, das Erwachsenwerden ihrer Schwester zu beschleunigen und zu kontrastieren.

Immer wieder unterbricht Sia zudem die Handlung durch eingestreute Musikvideos, die sich scheinbar in Musics Kopf abspielen. Das soll es uns ermöglichen, Zugang zu den Gedanken des Mädchens zu finden, das ansonsten nur wenig redet. Diese Clips sind, in bester Sia-Manier, manisch, grellbunt und komplett choreografiert, beziehen sich aber meist nur sehr peripher auf die Handlung. Sie tragen nichts zu unserem Verständnis der Protagonistin bei.

Befremdlicher Umgang mit Rassismus

Die Liste von erstaunlichen Fehlentscheidungen ist lang. So hat Sia einen überflüssigen Cameo-Auftritt als sie selbst, in dem sie sich als große Philanthropin inszeniert. Zugleich ist nicht nur ihr Umgang mit Autismus, sondern auch mit Rassismus befremdlich. So hat Felix, ein Junge mit chinesischen Eltern, der heimlich in Music verliebt ist, einen stereotypisch despotischen Vater, der mit den Träumen seines Sohnes nicht einverstanden ist. Der Konflikt kulminiert darin, dass sein Vater ihn im Zorn tötet – die Schwestern erfahren niemals davon. Auch die Figur von Nachbar Ebo, der Felix im Kampfsport unterrichtet, hat für Empörung gesorgt. Demnach sei Ebo ein typischer „magical negro“: Eine Schwarze Figur mit nahezu übersinnlichen Kräften, die primär dazu dient, die Geschichte der weißen Hauptfigur zu erzählen.

Liest man sich durch die internationalen Rezensionen zu „Music“, trifft man oft weniger auf Ärger als auf Verblüffung. Wie konnte es nur so weit kommen? Hat niemand in Sias Umfeld sich getraut, ihr die Wahrheit über die Qualität ihres Debüts zu sagen? Wahrscheinlicher ist, dass auch das nichts geholfen hätte. Sia scheint von ihrer Vision sehr überzeugt gewesen zu sein. Denn in einem Interview hat sie verraten, dass selbst Hauptdarstellerin Maddie Ziegler Zweifel hatte. „Am ersten Probetag hat sie geweint, sie hatte große Angst und hat gesagt: ,Ich will nicht, dass Leute glauben, ich mache mich über sie lustig‘“, erzählte die Sängerin. „Ich habe ihr ganz klar gesagt: ,Das lasse ich nicht zu.‘“ Dieses Versprechen konnte sie nicht halten.

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