Sie leben! The Notwist haben „News from Planet Zombie“
Das neue Album von The Notwist trägt den Titel „News from Planet Zombie“ – doch es ist sehr viel mehr als ein vertonter Horrorfilm.
„Natürlich habe ich mich gefragt, ob das nicht zu drüber und auch zu plakativ ist, aber dieses Horrorfilm- und B-Movie-Thema hat mir schon dabei geholfen, Bilder zu finden und meine Fassungslosigkeit darüber auszudrücken, was momentan in der Welt passiert“, sagt Markus Acher. Das neue Album von The Notwist trägt den Titel „News from Planet Zombie“, und damit spielt der Sänger auf seine Leidenschaft als Teenager an, die er in jüngster Vergangenheit zumindest teilweise wieder zu schätzen gelernt hat. „Wir haben jeden SciFi- und Splatter-Film mindestens einmal geschaut, der damals in der Weilheimer Videothek zu bekommen war“, erinnert er sich. Acher erzählt von einem Fanzine namens „Howl“ und wie er Anfang der 90er für das Festival „Weekend of Fear“ sogar extra nach München gefahren ist. „Meine Begeisterung war dann aber bald vorbei, weil diese sehr limitierte Sprache ja automatisch in die Extreme gehen muss. Dann fährt das gegen die Wand, weil es irgendwann kein Noch-Schlimmer und kein Noch-Gruseliger mehr gibt.“ Zuletzt hat es ihn aber wieder inspiriert, etwa „Sie leben“ von John Carpenter zu schauen. „Der Film ist super überzogen und erinnert an einen Comic, trotzdem steckt da so viel drin, was ich auf unsere Gegenwart beziehen kann. Das sagt mir dann sehr viel mehr, als wenn ich mir einen Programmkinofilm ansehe, bei dem die Botschaft ganz klar und unmissverständlich in den Vordergrund gestellt wird.“
Die Vorabsingle „X-Ray“ passt zum Albumtitel, und der wütende Protestsong mit kreischenden Gitarren und Feedbacks erinnert an die Anfangstage von The Notwist. Doch Acher hadert ein wenig mit dem Albumtitel, weil das eben nur ein Aspekt der neuen Platte ist: „Wir wollten auch ausdrücken, was positiv ist. Beziehungen, Familie, Freundschaften passieren in diesem Chaos ja weiter – und das sind wahnsinnig wichtige Kräfte, die dir zeigen, was sich in der Welt ändern muss.“ Die Tatsache, dass die Band mit Neil Youngs „Red Sun“ und „How the Story ends“ von der Riot-Grrrl-Folkband Lovers zwei Coverversionen eingebaut hat, deutet schon in diese Richtung, und tatsächlich fühlt es sich wirklich so an, dass „News from Planet Zombie“ in der mehr als 35-jährigen Geschichte der Indie-Institution The Notwist ihr Folkalbum ist. Eine verzerrte Folkplatte natürlich, doch Songs wie „The Turning“ und „Silver Lines“ haben eine ganz klare Struktur – und vor allem haben sie ganz große, melancholisch eingängige Melodien. Da passt es auch, dass „News from Planet Zombie“ ein Gemeinschaftsprojekt ist: Alle sieben Musiker der Live-Besetzung haben sich gemeinsam im Studio versammelt, um die von den Acher-Brüdern und Cico Beck ausgearbeiteten Songs in nur sieben Tagen live einzuspielen. Und sie haben auch wieder Gäste eingeladen: Enid Valu unterstützt beim Gesang, Haruka Yoshizawa ist am Harmonium und Tianping Christoph Xiao an der Klarinette dabei. Die kommen zwar alle aus ihrem direkten musikalischen Umfeld, doch funktioniert hier der Bezug auf das internationale München natürlich auch als Statement.
Ganz am Ende ist in „Like this River“ wieder von Zombies, Vampiren und Politik die Rede. Doch in dem Closer heißt es eben auch: „By this river/We found a language/That can spell ,you and me’/Like this river/We keep an image/Only we can see/Endlessly.“ Es ist dieser Gegensatz, der die neue Notwist-Platte auf den Punkt bringt: Sie erkennt die Realität an und beschönigt nichts, doch sie nimmt auch in den Arm. Und es ist eine Umarmung, die womöglich sogar Hoffnung macht.