MUSIK

So war es beim Tauron Nowa Muzyka Festival 2016

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Foto: Radoslaw Kazmierczak

Katowice liegt knapp 300 km südwestlich von Warschau und ist mit gut 300.000 Einwohnern die zehntgrößte Stadt Polens. In Katowice gibt es viele Kohle- und Erzlagerstätte, wobei die wirtschaftliche Bedeutung der Bergwerke und Schwerindustrie immer mehr zugunsten von Elektroindustrie und Informationstechnik abnimmt. Neben der Industrie setzt die Stadt zunehmend darauf, sich als Kulturmetropole zu etablieren – und da ist es auch nicht verwunderlich, dass mit Tauron einer der größten Energiekonzerne Polens, der mehrere Kohleminen und Kraftwerke in der Region betreibt, als Hauptsponsor eines Festivals in Katowice auftritt, das elektronische Clubmusik, Jazz und Avantgarde in den Fokus rückt.

Das alte Industriegelände, auf dem nun schon zum elften Mal das Tauron Nowa Muzyka Festival stattfindet, liegt im Zentrum der Stadt und spiegelt den Wandel von Katowice wider: Neben alten Backsteingebäuden und einem Schachtturm aus Stahl hat man hier ein hypermodernes Arreal errichtet, auf dem sich das Schlesische Museum, diverse Konzert- und Kongresshallen sowie eine futuristische Parkanlage befinden. Der perfekte Ort also für ein Sommerfestival mit Elektrowumms und avantgardistischer Experimentiererei.

Auch die Dramaturgie ist in diesem Jahr gut ausgeklüngelt: zur Eröffnung wird am Donnerstagabend der große Konzertsaal des Nationalen Sinfonieorchesters des Polnischen Rundfunks bespielt. Angeführt von Piotr Orzechowski aka Pianohooligan spielt man neben Stücken von Henryk Górecki und Philip Glass auch Steve Reichs „Music for 18 Musicians“, und die repetitiven Schlaufen aus Klavier, Marimbas, Xylophonen und Klarinetten entfalten eine beruhigende bis einschläfernde Wirkung. Hier, in dem beeindruckenden Konzertsaal, tritt am Sonntag auch der Tenorsaxofonist und Kendrik-Lamar-Kollaborateur Kamasi Washington zum Abschluss des Festivals auf, um seine Jazz-Großtat „The Epic“ vorzustellen. Doch während der Hauptfestivaltage am Freitag und Samstag wird lediglich der deutlich kleinere Kammersaal geöffnet, um Verschnaufpausen anzubieten: Das deutsche Postrock-Duo Tarwater spielt hier das Album „Silur“ aus dem Jahr 1998 erstmals in voller Länge, Lubomyr Melnyk beackert das Klavier in Hochgeschwindigkeit, und der Japaner Masayoshi Fujita zeigt alternative Möglichkeiten, das Vibrafon zu spielen. An sich aber sind Pianohooligans eröffnende Schlummerschlaufen die perfekte Antithese zum elektronischen Beatgeballer der folgenden zwei Tage.

Auf insgesamt drei Zeltbühnen gibt es DJ-Sets von Prins Thomas und der Kölnerin Lena Willikens, mit The Orb, Roni Size und Ceephax Acid Crew werden sehr überzeugend die 90er reaktiviert, während Tiga eher dem Pop verpflichtet ist, geben sich Clouds gewohnt brachial, und der Brite Darren J. Cunningham alias Actress sorgt mit einem überraschend zugänglichen und fokussierten Dubtechno-Set für den Höhepunkt des Festivals. Dazu kommt noch die zur Hauptbühne umfunktionierte Mehrzweckhalle des Kongresszentrums, auf der Battles mit routinierter Klasse der sterilen Location trotzen, IDM-Koryphäe Atom TM und der australische Lichtkünstler Robin Fox ihre audiovisuelle Show „Double Vision“ mit gewaltigen Sounds und Animationen inszenieren und mit Floating Points auch der heimliche Headliner des Festivals zu sehen ist: Beeindruckend, wie er sein gefeiertes Album „Elaenia“ im Bandformat umsetzt und dabei doch nie vollends in Nu-Jazz-Muckerei abdriftet.

Mag sein, dass der Sound bei dem Festival noch nicht immer perfekt ist und man als nicht polnischsprachiger Besucher auch mit Englisch immer wieder an seine Grenzen stößt – doch das Tauron Nowa Muzyka Festival hält mit (für deutsche Verhältnisse) niedrigen Ticketpreisen, einer atemberaubenden Kulisse, viel Liebe zum Detail und vor allem einem geschmackssicheren Booking dagegen, was sich wohltuend vom Einheits-Line-Up der meisten europäischen Festivals absetzt.

Im nächsten Jahr findet das Tauron Nowa Muzyka Festival 2017 vom 6.-9. Juli statt.

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