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Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden

Nach „Stalins Kühe“ und dem Weltbestseller „Fegefeuer“ holt Sofi Oksanen mit dem dritten Teil ihres geplanten Estland-Quartetts zu einem Rundumschlag aus: In „Als die Tauben verschwanden“ erzählt sie von dem Kollaborateur Edgar Parts, der sich gleich in zwei Diktaturen durchzuwurschteln weiß. In den 40er Jahren steht er den deutschen Besatzern zur Seite und wird zu Eggert Fürst, und als das Klima umschlägt, findet er im Konzentrationslager Kloogs die passende Kleidung, mit der sich gegenüber den Sowjets als Häftling ausgeben kann.

Um ihren Antihelden spinnt Oksanen ein kompliziertes Beziehungsgeflecht, das in einer Krimihandlung gipfelt: Der eigentlich schwule Edgar heiratet zum Schein Juudit und ist in mehrfacher Hinsicht froh, dass sie eine Affäre mit einem SS-Hauptsturmführer beginnt. Zudem ist da noch Edgars Cousin Roland, ein estnischer Freiheitskämpfer, der auch eine kurze Liaison mit Juudit eingeht, und erst ganz am Ende des Romans löst Oksanen auf, wer Rolands hübsche Verlobte Rosalie ermordet hat. Ein bisschen verliert sich Oksanen inmitten ihrer bedeutungsschwangeren Symbolik und dem ständigen Wechsel von Perspektive und Zeit, so dass ihre Figuren phasenweise zu Stereotypen verkommen. Dass sie Geschichte durchaus differenzierter zu betrachten weiß, bewies sie erst jüngst mit sehr klugen Artikeln über den Ukraine-Konflikt. So oder so: Dem Popstar der finnischen Literatur sieht man die Schwächen dieses Romans nach. (cs)

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