URBANE KULTUR

Die eigene Stadt neu entdecken: Tag des offenen Denkmals

Tag des offenen Denkmals: Speicherstadt in Hamburg
Tag des offenen Denkmals: Speicherstadt in HamburgFoto: Wolfgang Jürgens / pixelio.de

Der Tag des offenen Denkmals 2021 bietet die Gelegenheit, die Stadt, in der man lebt, mit neuen Augen zu betrachten und neu kennenzulernen. Bundesweit laden rund  3 700 Denkmäler zu Veranstaltungen ein: Schlösser und Burgen, Kirchen und Garten- und Landschaftsdenkmäler, öffentliche Bauten und Bauten von Industrie und Technik.

Tag des offenen Denkmals: Schwerpunkt „Sein & Schein“

Das Motto des diesjährigen Tags des offenen Denkmals lautet: „Sein & Schein – in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege“. Die Koordinator:innen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wollen den lllusionen, Täuschungen und der Originalität deutscher Denkmäler auf den Zahn fühlen. Da geht es zum einen um Nachahmung der Natur, Sinnestäuschungen im Dekor oder visuelle Erweiterungen der Architektur in den Kunstepochen von Realismus und Barock über Historismus bis zur Moderne. Im Barock vermischten sich Künste wie Malerei, Architektur, Skulptur, Musik und Theater mit dem Interesse für das Übernatürliche und Himmlische, illusionistische Darstellungsmethoden wie das Trompe l’oeil als Beispiel – was dreidimensional scheint, ist in Wirklichkeit zweidimensional. Der Historismus wiederum stand ganz im Zeichen der Wiederbelebung vergangener Baustile; Baumeister zitierten im 19. Jahrhundert bewusst die Stilformen der Renaissance oder Gotik und verbanden diese zum Teil miteinander. Was ist echt, was Zitat?

Berliner Schloss: Ist das noch Denkmalpflege?

Theaterbauten, prunkvolle Schlossanlagen, Lichtspieltheater oder Bahnhofkinos vereint wiederum die Eigenschaft, Ort oder Attribut der Repräsentation, Illusion und Inszenierung zu sein, während unscheinbare Denkmäler wie alte Fachwerkhäuser nur allzu oft übersehen und gering geschätzt werden. Der Schein trügt hier. Auch der Umgang mit originaler oder verloren gegangener Substanz an und in historischen Bauwerken ist zu bedenken. Historisierende Rekonstruktionen sind teils selber schon zu Denkmälern geworden, wie aber ist es zum Beispiel mit dem Neubau des Berliner Schlosses?

Der Tag des offenen Denkmals regt an, mal darüber nachzudenken: „Kann man authentisch Historisches noch schätzen, wenn auch Neubauten historisch wirken? Diese „neuen alten“ Gebäude können keine in sich schlüssige Geschichte mehr erzählen. Aufgrund welcher Basis wird rekonstruiert; welche „Zeitschicht“ entsteht wieder; welche Bauphasen verschwinden für immer? Wird nach aktuellem Zeitgeschmack oder nach Qualität entschieden? Müssen unbequeme Bauten und Zeugnisse weichen, wie etwa der Palast der Republik in Berlin?“ Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Berliner Stadtschloss wurde 1950 von der DDR-Führung gesprengt und an seiner Stelle der Palast der Republik errichtet – der wiederum 2006 trotz seiner historischen Bedeutung abgerissen wurde, damit ab 2013  das vormals dort befindliche Schloss wiederaufgebaut werden konnte.

Das Thema Rekonstruktion und Denkmalkopie mit seinem Hang zur ästhetischen Restauration ist ein sehr spannendes Feld, das eine Auseinandersetzung lohnt – und das man sich am Tag des offenen Denkmals in seinem gewohnten urbanen Raum wortwörtlich erlaufen kann.

Das bundesweit vielfältige Programm mit über 5 000 Veranstaltungen gibt es hier.

In Hamburg geht der Tag des offenen Denkmals vom 10. bis 12. September, hier lohnt zum Beispiel unbedingt ein Spaziergang durch die historische Speicherstadt (Programm Seite 44), die ab 1888 als zentrales Lagerhausviertel des Hamburger Hafens diente. Der weltweit größte historische Lagerhauskomplex steht seit 1991 unter Denkmalschutz. Auch wenn der Freihafen inzwischen Geschichte ist, werden heute noch viele der Speicherhäuser von Teppichhändlern genutzt. Seit 2015 gehören die hübschen Speicher zusammen mit dem angrenzenden Kontorhausviertel und dem Chilehaus zum Unesco-Weltkulturerbe.

Anmeldungen unter info@speicherstadtmuseum.de.

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