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ADS und Blubberbässe

Thundercat
Thundercat (Foto: Neil Krug)

Noch nie ging es dem L.A.-Jazzmusiker Thundercat so gut wie jetzt. In Ordnung ist deshalb aber noch lange nichts.

Hartnäckig hält sich der Mythos, große Kunst sei das Ergebnis großen Leids. Klar: Wenn Nick Cave auf Albumlänge den Unfalltod seines Sohnes verarbeitet, wiegt das natürlich schwerer als Ikke Hüftgolds „Dicke Titten, Kartoffelsalat“. Fröhliche Alben reflexartig als infantil abzustempeln, bleibt dennoch Unsinn. „Distracted“ von Thundercat ist der Beweis. Es ist fantastisch. Zumal das fünfte Album von Stephen Lee Bruner, wie der Funk- und Fusionjazzmusiker aus LA eigentlich heißt, nun wirklich nicht Gefahr läuft, Sangria-Saufsoundtrack zu werden. Schließlich weiß Bruner noch genau, wie sich die Dunkelheit anfühlt. War sein letztes Album „It is what it is“ vom Tod seines guten Freundes Mac Miller geprägt und der Vorgänger „Drunk“ wiederum eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Alkoholismus, ist „Distracted“ ein lustig-lässiger und leicht irrer Streifzug durch das Hirn des 41-jährigen Comic-, Sci-Fi- und Gaming-Fans.

Thundercat liebt Gäste – von Tame Impala bis Mac Miller

Für sein neues Album setzt Bruner auf gewohnt viele Gastbeiträge. Schon immer war Musik für den US-Bassisten eine kollektive Erfahrung. Ob als Teil der Metalband Suicidal Tendencies, als Sideman von Erykah Badu oder kongenialer Partner von Flying Lotus. Diesmal dabei: Tame Impala, Lil Yachty, A$AP Rocky, Channel Tres, Willow und Mac Miller. Letzterer erinnert auf dem funky Stevie-Wonder-Gedächtnissong „She knows too much“ mit der tänzelnden Orgel so gar nicht an den schwer depressiven Mac Miller der Spätphase. Ein Ende der Trauer also? Ja, man könnte fast meinen: Alles in bester Ordnung!

Wobei Ordnung das wahrscheinlich ungeeignetste Attribut für dieses Album ist. Abrupte Tempo-, Rhythmus- und Melodiewechsel dominieren den vom typisch thundercatschen Blubberbass getriebenen Progressive-R’n’B-Sound, den seit Kendrick Lamars „To pimp a Butterfly“ wirklich jeder lieben sollte, während Brunner inhaltlich von gescheiterter Liebe und Selbstsabotage zu Anakin Skywalker und Gesprächen mit einer Katze springt. „Meow, Meow, Meow, Meow“ heißt es da bei „Great Americans“, einem Song, den man wahlweise als Gegenwartsatire oder ADS-Selbstdiagnose lesen kann und der keinen Hehl aus Bruners Liebe zu Frank Zappa macht. Was manchmal wirr klingen mag, wird von Thundercats diebischer Freude am Quatsch und der Liebe zur Musik zusammengehalten. Der Albumtitel, der so viel wie „Abgelenkt“ bedeutet, ist Programm. Es ist, als würde man durch einen Social-Media-Feed scrollen. Auch dort jagen das Profane und der Quatsch die gewaltigen Erzählungen. Und irgendwo dazwischen entsteht dann womöglich große Kunst.

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