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Tom Hillenbrand: Qube

Tom Hillenbrand: Qube

Andere Planeten zu besiedeln ist ja so was von 2050! Wozu noch lange Trips mit Weltraumkoller – wenn man doch auch auf der guten alten Erde wieder Spaß haben kann? Im Jahr 2091 gibt es bei Tom Hillenbrand dazu Quantencomputer und ein weltweites Holonet. Man pixelt sich seine Scheinrealität zurecht und daddelt sich in virtuelle Welten fort. Nur mit einer hochentwickelten Künstlichen Intelligenz hat man schlechte Erfahrungen gemacht. Die konnte zwar ultraschnell Lösungen für viele Menschheitsprobleme liefern, wollte aber eben auch die Weltherrschaft über die minderbemittelten Homo-Hirnies übernehmen. Das konnte bei dem dramatischen Turing-Zwischenfall gerade noch durch einen verzweifelten Waffeneinsatz verhindert werden – doch bleiben Zweifel, ob der clevere Qube wirklich vernichtet wurde. Götter, die man rief, wird man ja bekanntlich nicht so schnell wieder los. Als der Journalist Calvary Doyle zum Turing-Zwischenfall recherchiert, wird er mitten in London durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Aber da man die digitale Kopie seines Gehirns, ein sogenannter Cogit, quasi aus der Schublade ziehen kann, ist er schon bald wieder ganz der Alte. Okay, fast. Ein paar Wochen Erinnerungen sind futsch, seine Recherchen kann er bei Null beginnen. Doyle, der nicht weiß, wieso es überhaupt diese Gehirnkopie gibt und ob da jetzt noch etwas in ihm mitdenkt, wird von der Spezialagentin Fran Bittner verfolgt. Die arbeitet für die KI-Gefahrenabwehr und wird auf Doyle angesetzt, um Hinweise auf einen möglicherweise neuen Qube zu bekommen. Fran Bittner – durch fluides Geschlecht mal sie, mal er – ist dank sich kontinuierlich verändernder holografischer Kleidung und Bodyswaps in wechselnde Körper die perfekte Agentin. Eine atemlose Jagd beginnt, bei der sich keiner mehr sicher ist, ob vor dem Fenster nicht vielleicht doch nur eine Simulation abläuft und ob man sich in einem Hologame verlieren wird.

Ein raffinierter Mix aus solidem Geheimdienst-Thriller, Zukunftshorror und Fantasy

Tom Hillenbrands Fortsetzung seines Bestsellers „Hologrammatica“ ist ein nerdiger SciFi-Trip, der sich schnell als Pageturner entpuppt und dem auch Krimileser verfallen. Denn Hillenbrands raffinierter Mix aus solidem Geheimdienst-Thriller, Zukunftshorror und Fantasy spielt unterhaltsam mit den Spannungselementen der verschiedenen Genres.

Dabei ist Tom Hillenbrands Zukunftsvision gar nicht so weit entfernt, wie es zunächst scheint, und für das Ende des 21. Jahrhunderts größtenteils durchaus denkbar. Schon längst ist unsere Wahrnehmung der Welt durch Algorithmen verzerrt, Augmented Reality schleicht sich in unser Leben, und der Drang nach Selbstoptimierung wird von Gentechnik und Kybernetik beflügelt. Die Grenzen zwischen virtuellen und realen Räumen sind für unsere Sinnesorgane oft nicht mehr wahrnehmbar. Descartes berühmtes „Cogito ergo sum“ führt Hillenbrand in seinem rasanten Zukunfts-Noir augenzwinkernd zu der Frage: „Wer hat mich denn programmiert, und wo bin ich wirklich?“ Ein großer Lesespaß, bei dem man am Ende nicht mehr sicher ist, auf was man noch vertrauen kann. Vielleicht leben wir ja auch schon längst in einer Simulation, deren Verlauf von einer intelligenten Lebensform programmiert wurde. nh

Tom Hillenbrand Qube

Kiepenheuer & Witsch, 2020, 560 S., 12 Euro

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