Torres: Three Futures
Bei ihrem neuen Album „Three Futures“ ging es Torres vor allem um zwei Dinge: Sie wollte den menschlichen Körper feiern, und sie wollte das eigene Unterbewusstsein erforschen.
„Großartig“, jubelt Mackenzie Scott, und fast hat man Angst, dass sie vor lauter Lachen das Telefon fallen lässt. Grund für die überschwängliche Begeisterung der 26-jährigen Musikerin ist der Beitrag eines amerikanischen Musikblogs, in dem der Text ihres Songs „Skim“ wie folgt interpretiert wird: Die Protagonistin findet heraus, dass ihr Typ sie mit einem anderen Mann betrügt. Das Video zu dem Lied hat der Schreiber dieses Beitrags wohl nicht gesehen oder aber geflissentlich ignoriert, denn wenn Scott mit ihrer Gitarre durch ein feudales Südstaatenhaus läuft, sind es ganz eindeutig Frauenhände, die sie am ganzen Körper berühren und liebkosen. „Ich habe bewusst mit der Irritation gespielt und alles geschlechtsneutral gehalten, weil das doch viel effektiver ist, als wenn ich mich hinstellen und in einem Song thematisieren würde, wie irrelevant Genderzuschreibungen sind“, wertet sie die Fehldeutung als vollen Erfolg. „Vielleicht setzt sich der Autor ja damit auseinander, warum er automatisch in diese bestimmte Richtung ausgedeutet hat.“
Auf ihren ersten beiden Alben war Mackenzie Scott alias Torres eher eine Musikerin mit deutlichen Worten, ganz besonders das zweite Torres-Album „Sprinter“ diente ihr als Befreiungsschlag, mit dem sie die Vergangenheit verarbeiten konnte: ihre Mutter, die sie bei der Geburt ihrem Bibellehrer zur Adoption überlässt, das Aufwachsen bei den Baptisten, der konservative, repressive Süden der USA und schließlich ihre Flucht nach New York. Doch das war dann abgeschlossen, und beim neuen Album „Three Futures“ ging es ihr vor allem um zwei Dinge: Sie wollte den menschlichen Körper feiern, und sie wollte das eigene Unterbewusstsein erforschen – doch beides ist natürlich schlecht möglich, ohne auch immer wieder auf die Vergangenheit zurückgeworfen zu werden. „Mir wurde das Schamgefühl so eingetrichtert und immer wieder wurde uns erzählt, dass weibliche Enthaltsamkeit das höchste Gut ist“, erinnert sie sich. „Ich weiß jetzt, was es heißt, sich in seinem eigenen Körper wohl zu fühlen – aber es war ein verdammt langer Weg dorthin.“
Das für eine Singer/Songwriterin wie Torres überraschend elektronische „Three Futures“ ist ein Album über Verlangen, und tatsächlich ist es ein Akt der Selbstanalyse, zu der Scott erst nach den Aufnahmen genügend Abstand hatte, um sich selbst zu lesen. „Ich habe wirklich versucht, ganz unmittelbar die Musik aufzunehmen, die ich irgendwo in meinem Kopf gehört habe“, sagt sie. Natürlich sind da konkrete Erlebnisse eingeflossen, aber auch Symbole, surreale Bilder und intensive Lektüreerlebnisse, wie etwa „Zwischen mir und der Welt“, Ta-Nehisi Coates so eindringliche Rassismus-Abhandlung. „Mir ist bewusst, das der Körper auch eine Bürde sein und vereinnahmt werden kann, aber gerade dann hast du eigentlich nur die Möglichkeit, dich zur Wehr zu setzen, indem du deinen Körper genießt.“
Musik


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