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Verena Güntner: Power

Verena Güntner: Power

Ihr Debüt „Es bringen“ war ein vermeintlicher Jugendroman, mit dem sie das Mackergehabe des 16-jährigen Luis im Vorstadtghetto durchleuchtet hat. Jetzt blickt Verena Güntner auf ein nicht näher benanntes Dorf, um ein rabenschwarzes Märchen zu erzählen: Protagonistin von „Power“ ist die elfjährige Kerze, die der alten Hitschke zusichert, ihren entlaufenen Hund zu finden. Bald schließen sich alle Kinder des Dorfes der Suchaktion an, und unter Kerzes Führung nehmen sie das Projekt sehr ernst: Sie laufen auf allen Vieren, bellen, ziehen in den Wald und verwildern.

Das ruft wiederum die Dorfgemeinschaft auf den Plan – die jedoch mehr Energie darauf verschwendet, die alte Hitschke zur Verantwortung zu ziehen, als die verschwundenen Kinder zurückzuholen … Natürlich ist der absurde Plot als Parabel zu lesen, auch wenn sich die 44-jährige Güntner der Eindeutigkeit verweigert: Mit „Power“ thematisiert sie Ausgrenzung, Entfremdung, die Auflösung familiärer Zusammenhänge und das Weiterreichen von Schmerz. Aus dem Autoradio dröhnt Freiwild, es gibt einen Grundbesitzer, der seine Saisonarbeiter mit einem bissigen Hund in Schach hält, und einen kleinen Jungen, der gerne Nazi werden will.

In dieses Umfeld platziert Güntner eine unvergessliche Heldin, die ihren Kampf für kindliche Freiräume nicht von desillusionierten Großstädtern vereinnahmen lässt, das Wort immer wieder an einen Nichtgott richtet und bei all der Verantwortung für die Gemeinschaft eben auch die eigenen Geister zu vertreiben hat. cs

Verena Güntner Power

Dumont, 2020, 256 S., 22 Euro