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Musik

„Wie lange dauert es, bis ich bei mir ankomme?“: Nieve Ella über ihr Debüt

Mit „How Long Will It Take?" stellt Nieve Ella ihre Fragen laut: nach Identität, Wachstum und dem Gefühl, nicht stabil sein zu müssen. Ein Gespräch über den holprigen Weg zum Erwachsenwerden.

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Nieve Ella definiert sich auf ihrem Debütalbum neu. (Foto: Artist Theory)

Ein Debütalbum ist eine riesige Chance ein Statement zu setzen. Mit welcher Intention bist du ins Studio gegangen, Nieve?

Nieve Ella: Es war ein sehr bewusster Prozess. Ich habe bei einem neuen Label unterschrieben, und da fühlte sich plötzlich alles anders an. Ein Debüt ist ein Statement, und ich wollte eine andere Richtung einschlagen, klanglich wie visuell, und mich damit selbst herausfordern, und ich selbst zu sein. Sogar bei Style und Haaren habe ich fast alles verändert. Meine Haarfarbe, mein Style, meine Identität, das alles knüpft an mein jüngeres Ich an, und das Album trägt das in sich. Ich grabe tief in meiner Kindheit, nicht im Sinne von Trauma, sondern darin, wie die Dinge mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin. Als junge Frau verändern sich unsere Körper ständig, manche erleben das in der frühen Teenagerzeit, ich erlebe auch gerade in meinen frühen Zwanzigern noch viel Veränderung. Ich wollte so persönlich wie möglich sein, in meiner Weiblichkeit und in dem, wie ich mich fühle.

Der Titel des Albums stellt die Frage: „How long will it take?“. Wann hast du realisiert, dass diese Frage sich als Thema durch die Songs zieht?

Ella: Ich wusste den Titel tatsächlich bis ganz zum Schluss nicht. Ich wollte eigentlich etwas anderes, aber es hat nicht gezündet. Dann habe ich „How Long Will It Take“ geschrieben. Dieser Song fühlte sich für mich am beruhigendsten an und ist einfach so aus uns herausgeflossen. Er hat einfach alles zusammengefasst, was ich sagen wollte. Alle Songs sind offene Fragen, denn es gibt keine echte Klarheit. Das passt zu mir, ich bin ein neugieriger Mensch und hinterfrage gern aber mag dann die Antworten nicht so sehr (lacht). ich frage mich ständig: Wie lange dauert es, bis ich an einem Punkt bin, der zeigt, was ich geleistet habe? Wie lange, bis meine Akne verschwindet? Wie lange, bis ich nicht mehr diese wütende Zicke bin, als die ich mich manchmal fühle? In einer jungen Frau stecken so viele Fragen und ich wollte sie alle offen legen.

Beim Hören hatte ich das Gefühl eines Wechsels in der Tracklist: am Anfang wütend und kraftvoll, später weicher, dann kommen die Chöre. War das Absicht?

Ella: Genau das wollte ich. Ich wollte das Album ursprünglich „Tender and Teeth“ nennen, um die zwei Seiten zu zeigen. Es beginnt mit der Zähne-Seite, mit Wut und Hunger. Dabei  gibt es dort auch Fragen und Unsicherheiten. Die andere Hälfte wird softer. Das Album zeigt eine Art gespaltene Persönlichkeit: An manchen Tagen wache ich auf und denke, heute ist der beste Tag aller Zeiten, am nächsten fühle ich das komplette Gegenteil. So haben wir es geschrieben. An einem Tag nervte ich Finn, mit dem ich das Album geschrieben habe, mit guter Laune, am nächsten weinte ich und wusste nicht mehr, was ich sagen wollte. Ich habe mich verloren gefühlt, und das wollte ich so echt wie möglich zeigen. Jamie und Finn machen es mir leicht, nicht stabil zu sein, denn ich glaube nicht, dass ich stabil bin, und das ist ganz normal.

Besonders das Treppen-Motiv, das auch auf dem Cover zu sehen ist, wirkt wie ein Symbol für einen nie endenden Kampf. Wann wusstest du, dass es das Symbol des Albums ist?

Ella: Ich glaube, als ich „How Long Will It Take?“ geschrieben habe. Die Frage selbst fühlt sich an wie eine Autofahrt oder eine Reise, bei der man sich fragt, wo das Ende ist. Ich fühlte mich damals merkwürdig, so als wäre mein Leben nicht echt. Wenn du „Die Truman Show“ kennst: In der letzten Szene geht er eine Treppe hoch, öffnet eine Tür und verlässt diese kaputte Welt. So fühlte es sich beim Schreiben an. Ich war in einer Art Simulation, ich schreibe nur dieses Album, rede immer mit denselben Leuten, fühle mich seltsam und festgefahren, ich weiß nicht, wo ich angefangen habe und wo das endet. Die Treppe kommt von dort, von dieser Mission, bei der man sich fragt, wann sie endlich aufhört. Selbst nach Fertigstellung ging es weiter, wir bewerben, reden und kreieren drumherum. Es hört nie auf. Und man sieht bei der Treppe nicht, ob sie nach oben weiterführt oder wie sie angefangen hat. Genau so fühlt es sich für mich an.

Vielleicht ist die Treppe auch eine Anspielung auf die Musikindustrie. Es gibt gerade so viele Newcomer:innen in UK. Hilft es, zu sehen, dass andere in derselben Situation sind, oder ist das eher Konkurrenz als Support?

Ella: Da hast du recht, es gibt viel Konkurrenz, viele machen dasselbe, wir haben alle diesen riesigen Traum. Wir sind wie Lämmer in einem Wolfsrudel. Mir tut es total gut, Freund:innen zu haben, die Artists und Bands sind und in exakt derselben Position stecken. Es fühlt sich an, als würden wir gleich gefressen werden, was aber auch der Spaß daran ist. Es geht nicht darum, wer wen schlägt, sondern darum: Wie werden mich die Leute hören? Wie stehe ich heraus, sodass sie zuhören? Der Druck kommt eher von der Industrie, von den Leuten in den Labels, die verstehen sollen, dass das hier genauso wichtig ist wie die andere Band. Am Ende müssen wir Artists füreinander da sein und uns unterstützen, weil wir einfach Menschen mit Gefühlen sind, die sich in eine ziemlich beängstigende Welt hinauswagen.

Mir haben auch die Chöre in deinen Songs gefallen: Neben den Kämpfen, von denen du singst, ist da das Gefühl, dass jemand dir den Rücken stärkt. Besonders bei „Love:Hate“. Wie ist das entstanden?

Ella: Bei jedem Song haben wir ein kleines Zauberrezept: Jamie, Finn und ich sitzen im Kreis, ein Mikro in der Mitte, und wir machen zufällige Stimmen, die wie eine Menge klingen. Bei jedem Song machten wir über hundert Takes. Bei „Love: Hate“ ist das auch verletzlich und beängstigend, ich habe mich sehr allein gefühlt. Zugleich hat es etwas Heiliges, als würden Engel singen. Das sind kleine Stimmen in meinem Kopf, eher Geister als Menschen, mehr als Support sind es Schutzengel. Beim Schreiben war ich oft so traurig, dass ich dachte: Ich muss in die Kirche, ich brauche einen Retter. Die Chöre sind für mich ein Raum voller Stimmen und Engel.

Du hast vorhin dein jüngeres Ich erwähnt. Was würdest du ihr nach diesem Debüt sagen?

Ella: Ehrlich gesagt: Nichts wird linear besser, wenn man älter wird. Als Kind dachte ich, mit 18 oder 25 ist alles toll und man kann alles machen. Das stimmt nicht, jedenfalls nicht für mich und für viele andere. Das Leben wird nicht leichter, es wird schwerer, und das Schönste ist allein, wie man damit umgeht. Man fordert sich viel heraus, und das Älterwerden ist schön, weil man so viel lernt und Dinge erfährt, die man vorher nicht wusste. Jetzt bin ich die Person, von der ich damals geträumt habe, und ich muss einfach weitersuchen, weiter wachsen und das tun, was sich richtig anfühlt – nicht für andere, sondern für mich selbst.

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