MUSIK

Wie Wut das tut!

Alanis Morissette
Foto: Shelby Duncan

Alanis, die Single von deinem neuen Album „Such pretty Forks in the Road“ heißt „Reasons I drink“. Hattest du heute schon einen Grund zu trinken?

Alanis Morissette: Japp. Bis jetzt habe ich widerstanden, aber gut möglich, dass ich nachher mit meinem Mann eine Flasche Wein öffne. Es ist vor allem die Schlaflosigkeit, die mich in die Arme des Alkohols treibt. Ich habe das Gefühl, dass ich sechs Tage lang nicht gepennt habe. Mein Stresslevel ist kontinuierlich sehr hoch.

Weshalb?

Morissette: Drei Kinder, ein Ehemann, eine Karriere. Unsere Sohn Ever ist neun, Tochter Onyx vier und Winter, unser Kleinster, kam im vergangenen August zur Welt. Natürlich ist eine Familie sehr herausfordernd. Vor allem, wenn man, so wie ich, sehr an den Kindern hängt und sie nicht alleine lassen will.

Du bist seit zehn Jahren mit dem Rapper und Musiker Mario „Souleye“ Treadway verheiratet. Ergänzt ihr euch gut?

Morissette: (lacht) Wir haben unsere Kämpfe, aber es läuft mit ihm eindeutig besser als mit allen anderen Kerlen zuvor. Wenn wir streiten, was wir oft genug auch tun, sehen wir das eher als Ansporn, noch mehr miteinander zu reden.

Wer von euch diskutiert ausdauernder?

Morissette: Ich bin ein absoluter Wortmensch, aber mein Mann kann mithalten. Er schmollt nicht gern und kommt dann zu mir, um sich zu unterhalten. Von unseren Auseinandersetzungen und den Versöhnungen handelt der neue Song „Missing the Miracle“. Ich sollte nicht so sehr über meinen Mann lästern: Er ist ein Guter, und er unterstützt mich. Wenn ich keinen Partner hätte, der mithilft und sich um die Kinder kümmert, könnte ich nicht gleichzeitig Mutter, Musikerin und Aktivistin sein. Mein Mann ist mit einer Mutter aufgewachsen, die zwei Vollzeitjobs hatte. (lacht) In punkto Gleichberechtigung muss ich ihm nichts mehr beibringen.

Du sprichst auch auf dem neuen Album sehr offen über deine Depressionen nach den Geburten der Kinder. Wie hat sich die Krankheit geäußert?

Morissette: Bei Ever und Onyx durch schrecklich dunkle Gedanken und Bilder von furchtbaren Verletzungen und dem Tod. Das waren sehr, sehr ungesunde Gedanken, die einen zermürben und zersetzen. Und ja, die Tabletten helfen tatsächlich. Auch Cannabis tut gut. Mittlerweile habe ich genug Erfahrungen mit der Krankheit gesammelt, dass ich merke, wenn es wieder losgeht. Bei Winter litt ich nur noch unter – ich nenne es – Aktivitäten. Es war nicht so heftig, aber es waren schon Ängste und Panikanfälle.

Die postpartale Depression wurde als Krankheit lange Zeit unterschätzt, oder?

Morissette: Das kann man wohl sagen. Die Annahme war ja immer: Mütter und Väter sind so voller Liebe und Glück, denen muss es einfach ganz wunderbar gehen. Und wenn man dann leidet, heißt es nur: Schlaf dich mal aus! Aber so einfach ist es leider nicht.

Auch in Songs wie „Diagnosis“ und „Losing the Plot“ sprichst du über psychische Leiden.

Morissette: Ich denke, umso sensibler und aufnahmebereiter wir uns selbst gegenüber sind, desto besser können wir uns Therapien und anderen Angeboten gegenüber öffnen und diese für unser Wohlbefinden nutzen. Ich habe gelernt, dass meine Depressionen nach den Geburten zwei bis drei Jahre anhalten. Das ist kein Leiden für den Rest des Lebens. Am großartigsten ist es, langsam wieder raus zu krabbeln aus der dunklen Höhle, jedes Mal etwas weiser und widerstandsfähiger. Wenn Menschen wie Kurt Cobain oder Jimi Hendrix mehr Unterstützung gehabt hätten – wer weiß, was aus ihnen geworden wäre.

Du bist jetzt 46. Wird das Leben insgesamt weniger kompliziert mit dem Älterwerden?

Morissette: Das ist zumindest meine Erfahrung. Meine Resilienz und meine innere Stärke sind größer geworden. Die Hochs sind nicht mehr ganz so verrückt hoch, und die Tiefen sind nicht mehr automatisch Abgründe. (lacht) Ich lasse mich nicht mehr von jeder Panikattacke in Panik versetzen.

Wie ging es dir denn beim Schreiben der neuen Lieder?

Morissette: Als ich „Diagnosis“ geschrieben habe, war ich mitten in einer destruktiven Spirale. Bei „Losing the Plot“ auch. In dieser Phase haben wir den Entschluss gefasst, umzuziehen und unser Leben neu aufzustellen. Eine Veränderung war nötig. Ich habe 25 Jahre in Hollywood gelebt, davon 22 Jahre im selben Haus. Doch jetzt sind wir vor gut einem Jahr in die Bay Area umgezogen, in die Nähe von San Francisco. Für mein Wertesystem und auch für das meiner Kids ist es dort gesünder.

Wie meinst du das?

Morissette: Ich halte dieses „Hey, du musst dein Leben lang wie 19 aussehen“-Denken aus, aber für meine Kinder ist das auf Dauer schädlich. Hollywood ist mir nach wie vor zu männerdominiert und auch zu materialistisch. Früher war es okay, nur Millionärin zu sein. Heute brauchst du schon eine Milliarde, um zu genügen. Ich wollte mit der Familie irgendwo hin, wo andere Werte wichtiger sind: Beziehungen, Zusammenhalt, Gemeinschaft und Fairness.

Besucht dein Ältester eine normale Schule?

Morissette: Nein, wir unterrichten ihn und auch Onyx daheim. Das Konzept nennt sich „Unschooling“ und basiert auf einer Theorie der multiplen Intelligenzen. Es gibt keine klassischen Fächer, keine festgelegten Stunden und keine Noten. Mathe, Malen, Hindernislaufen, Philosophie – alles ist gleich wichtig.

Der wütendste Song auf dem Album ist „Reasons I drink“. Wie wichtig ist Wut?

Morissette: Wut ist immens wichtig, sie ist für mich ein positives Gefühl. So lange wir unsere Wut spüren und ihr Ausdruck verleihen können, sind wir nicht depressiv. Meine Wut hilft mir, als Mamabär die Kinder zu beschützen, und sie hilft mir auch, wenn ich bei Kongressen über Themen wie das Patriarchat und die Stellung von Frauen in der Musikbranche debattiere. Wut stößt Veränderungen an. Ich liebe junge Menschen wie Greta Thunberg. Sie hat sehr viel Grund, um wütend zu sein.

Dein berühmtestes Album „Jagged little Pill“ wird in diesem Jahr 25 Jahre alt. Bist du stolz auf die Platte?

Morissette: Ja. Ich kann diese Songs immer noch mit derselben Überzeugung singen wie mit Anfang 20. Das Album hat das Leben vieler Menschen ein bisschen beeinflusst, es hat ihnen eine ganze Palette von Gefühlen an die Hand gegeben: Wut, Freude, Trauer, Glück, das volle Programm. „Jagged little Pill“ war ein Erlaubnis-Erteiler für Emotionen aller Art.