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Wild Beasts: Boy King

Mit „Boy King“ sind die Wild Beasts auf dem Sprung zur Konsensband. Aber müssen sie dafür wirklich so auf Macker machen?

Der eine lacht, der andere nicht: Natürlich johlt Tom Fleming bei dem Vorschlag, statt des geplanten Interviews lieber einen Tanzkurs zu machen – er wäre dann ja raus. Schließlich ist es sein Sänger-Kollege Hayden Thorpe, der im Video zur Single „Get my Bang“ den Swag hat und so richtig schön schmierig und mit vollem Körpereinsatz eine blonde Frau antanzt. Doch Thorpe fährt schnell Gründe auf, warum er für einen Crashkurs im Berliner Büro ihrer Plattenfirma eben doch nicht der geeignete Tanzlehrer ist: „Der dreitägige Dreh in Belgrad war die reinste Qual für mich, und ich weiß gar nicht, wie oft mir der Choreograf gesagt hat, ich solle doch endlich mal locker sein und mir den Stock aus dem Arsch ziehen“, erklärt er und fixiert dabei den immer noch feixenden Fleming. „Ein Partyboy wird aus mir wohl nie werden: Ich bin durch und durch ein steifer Nordengländer, dem nur der Gesang bleibt, wenn er sich ausdrücken will.“

Trotzdem kann Thorpe an den verunsicherten und entsetzten Reaktionen einiger Fans ablesen, dass er ziemlich überzeugend rüberkommt: Ist das eine Parodie – oder meinen die Wild Beasts das ernst? So unterschiedlich ihre Veröffentlichungen bisher auch ausgefallen sind, waren neben dem Wechsel von Thorpes Falsettgesang und Flemings Bariton doch Melancholie und Nachdenklichkeit stets gesetzt – und jetzt entdeckt das Quartett aus Kendal mit dem fünften Album plötzlich den Funk. „Boy King“ klingt nicht nur sexy, schmutzig und extrem tanzbar, es strotzt auch vor unwiderstehlichen Hooks. „Wir haben in der Vergangenheit so viel über Sexualität und den Körper gesungen, da war es einfach an der Zeit, dass wir auch mal musikalisch versuchen, uns gehen zu lassen“, erläutert Fleming den Paradigmenwechsel. Und Thorpe ergänzt zwei Referenzen, die ihm von Anfang an als Orientierung gedient haben: „Ich wollte den Sex von Justin Timberlakes ,SexyBack’ mit der Aggressivität der Nine Inch Nails und Stücken wie ,Closer’ zusammenbringen.“

Natürlich sind die Wild Beasts mittlerweile als eine Band etabliert, die sich in ihren Texten immer wieder auf feministische Autorinnen bezieht – trotzdem ist es nicht ironisch gemeint, wenn Thorpe mit dicken Eiern durch das Video von „Get my Bang“ tanzt. „In den Texten geht es um die dunklen Seiten von Männlichkeit, und auch wenn wir mehr denn je in Charaktere schlüpfen, tragen wir all das auch irgendwie in uns“, kommentiert er eine Platte, die ganz bewusst als unbequem und weniger freundlich konzipiert wurde. Und in Kombination mit dem erhöhten Popappeal gehen sie damit gleich doppelt in den Angriffsmodus. „Wir waren so lange eine Kritikerband, warum sollten wir jetzt nicht mal die Muskeln anspannen und versuchen, auch neue Hörer zu gewinnen?“, fragt Fleming und zuckt die Schultern. Geschenkt. Was aber, wenn dadurch ein Publikum angezogen wird, das in den Songs weder Zweifel noch Diskursangebot hört, sondern einfach nur die schwanzigen Allmachtsfantasien feiert? Jetzt ist es Thorpe, der die Schultern zuckt. „Damit werden wir dann umgehen müssen. Aber das ist für einen Künstler eine spannendere und weit wichtigere Aufgabe als langweilige Selbstverständigungsmusik abzuliefern.“

LIVE
24. 9. Hamburg
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