„Wir sind gute Jungs“: Fat Dog über Cancel Culture und den perfekten Tag mit Aliens
Fat Dog im Interview: Joe Love und Chris Hughes über Cancel Culture, Cowboyhüte, KI-generierte Songs und ihren perfekten Abend mit einem Alien.

Backstage beim Reeperbahn Festival, ein paar Stunden vor dem Gig, die Band schon mitten im Pre-Show-Modus: Bier in der Hand, Wester Outfit und Tracksuit an, keine Spur von Nervosität. Fat Dog nehmen sich selbst nicht besonders ernst und genau das macht das Gespräch mit ihnen zu einem der unterhaltsamsten des Festivals. Wir haben über Chaos, Cowboyhüte, KI-Beleidigungen und die Frage gesprochen, was Aliens wohl von ihrer Ernährung halten würden.
Joe und Chris, eure Band ist nicht das erste Mal auf der Reeperbahn zu Gast. Habt ihr schon Rituale oder Stammbars, wenn ihr hier seid?
Chris Hughes: Ganz ehrlich, ich war hier jedes Mal so betrunken, dass ich mich an keinen einzigen Namen mehr erinnern könnte. Aber wir treffen hier immer viele Freunde, es ist jedes Mal eine große Party.
Ich habe gelesen, dass ihr auf diesem Album gelernt habt, euer Chaos zu beherrschen – gleichzeitig soll nur 75 % der Albumbeschreibung der Wahrheit entsprechen. Ist das Chaos wirklich unter Kontrolle: Wahrheit oder Lüge?
Joe Love: Ich glaube, wir sind gar nicht mehr so chaotisch. Wir sind eigentlich nur eine Gruppe Typen, die auf der Bühne stehen und Musik machen – total langweilig, wenn man’s genau nimmt. In unserer Freizeit sitzen wir am liebsten stundenlang in einem Pub, essen einen Braten und reden über nichts Besonderes. Wie Hobbits!
Hughes: Ehrlich, wir gehören eigentlich ins Auenland. Und haarige Füße haben wir auch, wie die Hobbits. Früher war das anders: technische Probleme auf der Bühne, Leute, die sich anschreien, nach dem Gig prügelt sich wer – das war chaotisch. Davon gibt’s zum Glück deutlich weniger.
Chaos kann ja auch was Schönes sein, oder?
Love: Ja, klar. Wir lassen auf der Bühne alles raus, und solange die Musik im Mittelpunkt bleibt, ist alles gut. Eigentlich geht es dabei eher um Energie als um Chaos. Die beiden Begriffe werden oft über einen Kamm geschert. Wir wollen diese Hype-Energie, aber dabei nicht scheiße klingen.
Habt ihr eigentlich einen „Erwachsenen“ in der Band, jemanden, der den Überblick behält?
Hughes: Ich glaube, das ist wechselnd. Manche sagen, unser Drummer sei der Erwachsene, der kriegt einfach Dinge geregelt. Ich selbst bin eher wie ein goldener Retriever.
Love: Ich sehe mich eher als grantigen Teenager. Wir wechseln uns quasi ab, wer gerade die deprimierendste Person im Raum ist und holen uns danach gegenseitig wieder hoch. Das ist eigentlich auch Teil der Musik.
Das Album heißt „Cancel Me, I’m Tired“ – wofür würdet ihr euch gegenseitig canceln?
Love: Oh, lass uns das lieber nicht thematisieren. Wir würden sowieso nicht gecancelt werden, wir sind gute Jungs.
Hughes: Eigentlich klingt das gerade so, als sollten wir genau deswegen gecancelt werden.
Auf „Snakes“ hört man auch Country-Einflüsse. Wo habt ihr die Inspiration hergeholt?
Love: Ich hab in Vegas geheiratet, da musste zwangsläufig ein Country-Song aufs Album. Aber es ist eigentlich mehr Spaghetti-Western als klassischer Country – eher „America by way of Italy“. Klassischer Nashville-Country ist nicht so unseres.
Musste jemand in den Western-Cowboy-Look reingeredet werden, oder wart ihr alle direkt überzeugt?
Hughes: Ich hab schon ewig einen Cowboyhut, war eigentlich schon bereit, ihn in Rente zu schicken und dann sollte er plötzlich auf jedem Pressefoto sein. Die Cowboyhüte waren dann überall, mittlerweile trägt praktisch jede Band aus unserer Ecke von London irgendwann mal einen.
Love: Bei mir sind’s inzwischen sogar zwei Paar Cowboystiefel, aber die zu wechseln ist der reinste Krampf mit meinen riesigen Füßen. Meistens muss meine Frau mir raushelfen, und danach fliegen die Dinger quer durchs Zimmer.
Im Titelsong heißt es „let AI write a hit“, habt ihr das mal zum Spaß ausprobiert?
Hughes: Oh mein Gott, ja. ChatGPT ist ein verdammtes Arschloch, aber es war auch richtig witzig. Wir haben gepromptet, dass es einen Fat-Dog-Song schreiben soll, das Ergebnis war extrem schlecht. Also haben wir nochmal gepromptet, dass es mehr nach Fat Dog klingen soll und ChatGPT meinte nur: „Okay, soll ich es noch dümmer machen?“
Love: Verrückte Zeiten, wenn man sich von einem Roboter beleidigen lässt. Aber im Ernst: Wir würden KI nie für unsere eigene Musik nutzen. Sie hat keine Seele, deshalb wird sie uns auch nie ersetzen können. Sich darüber aufzuregen bringt trotzdem nichts, das ist ein Krieg, den man ohnehin schon verloren hat.
Auf dem letzten Album wurden vor allem eure Texte kritisiert. Wann habt ihr gemerkt, dass die Leute mehr wollen als nur Moshen, und was habt ihr diesmal im Songwriting anders gemacht?
Love: Ich denke, dieses Album hat die besten Texte, die wir je geschrieben haben. Mir war wichtig, dass es diesmal wirklich etwas bedeutet, zumindest für mich selbst. „Cancel Me“ und „Aliens“ sind glaube ich meine liebsten Songs davon.
In „Aliens“ singt ihr, dass Aliens nie zu uns kommen würden, weil wir Menschen zu nervig sind. Wenn ihr Aliens in die Band aufnehmen würdet, womit würdet ihr sie am meisten nerven?
Love: Puh, ich glaube, unser Essverhalten würde sie richtig abschrecken. Dass wir überhaupt Dinge mit einem Gesicht essen, fänden sie wahrscheinlich schon creepy genug. Aber wie wir das tun, kleine Kuhbabys, Schnecken, Garnelen, das wäre für sie vermutlich völlig bizarr.
Hughes: Spätestens bei Kalb wären sie richtig angepisst, weil’s ja Babys sind.
Love: Wie können wir nur, oder?
Hughes: Ich hätte trotzdem mega gern Aliens in der Band, oder wenigstens als Freund:innen.
Was wäre euer Abendprogramm für eine Night-out mit Aliens auf der Reeperbahn?
Hughes: Die würden Triple-A für die Bühne bekommen!
Love: Darüber haben wir schon oft geredet, das wäre unser Traum. Der Alien würde Glimbo heißen, und wenn er mal Ärger mit seiner Freundin hat, dürfte er bei uns auf dem Sofa pennen. Ich würde ihm ein Toastie machen, oder vielleicht mag Glimbo ja sogar Schnecken. Wenn er zu viel trinkt, würde ich ihm die Antenne halten, während er sich in mein Klo übergibt. Dabei würde ich ein Pint Bier trinken, er wahrscheinlich ein Glas saure Milch. Wahnsinn.
Wow wie sind wir von Cancel-Culture bei Glimbo dem Alien gelandet? Wenn ihr dem Interview selbst eine Headline geben dürftet, was wäre es?
Love: „Bitte findet uns gut, wir haben unser Bestes gegeben.“ Oder einfach: „Sweet boys.“
Hughes: Oder, noch besser schreibt gar nichts, nehmt einfach hundert Emojis. Am besten das eine, das schmelzende Kopf-über-Smiley. Aber die „gute Jungs“ Line war wahrscheinlich wirklich der beste Take, bevor wir gecancelt werden.
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