Zum Inhalt springen
Literatur

1999 Meter über dem Meer von CAROLINE WAHL

Bei all den Diskussionen um die Person Caroline Wahl bitte nicht übersehen, dass 1999 Meter über dem Meer ein unterhaltsam sarkastischer Roman ist.

cover caro wahl 2026

Samara hat schlechte Laune. Das ist das erste, was wir beim Lesen von Caroline Wahls viertem Roman „1999 Meter über dem Meer“ über ihre Protagonistin erfahren. Denn Samaras Versuch, sich, bevor es für den neuen Job nach Berlin geht, auf Bali noch einmal zu erholen, geht gründlich schief. Bali gefällt ihr nämlich mal so gar nicht. Unausgelastet und von der Autorin mit einer unterhaltsamen Portion Sarkasmus ausgestattet, trifft Samara in Berlin ein. Aber nur um kurze Zeit später Richtung Berge durchzubrennen. In dem Mercedes, den sie von ihren Eltern zum Glück gerade geschenkt bekommen hat. Und im Gepäck ihre geliebte Kamera, eine Leica.

Schließlich landet die begeisterte Müllermilch-Trinkerin in St. Moritz, wo sie schnell als Foto-Künstlerin auf sich aufmerksam machen kann – auch, weil sie es mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau nimmt. Bei ihrem geheimnisvollen Schwarm Fritzi wohnend, einem „großen Fisch“ in der Filmindustrie, steigt sie durch Hochstapelei und ein immer komplizierter werdendes Lügennetz in der Gunst des reichen und nicht selten arroganten St. Moritzer Klientels auf. Die ohnehin fragwürdige Müllermilch tauscht Samara zunächst gegen einen Iced White Cacao und bald schon gegen ein deutlich ausgefalleneres Getränk aus.

Gut drei Wochen ist der Roman mittlerweile auf dem Markt. Und wie bei Caroline Wahl nicht anders zu erwarten, hat er sofort die Bestsellerlisten gestürmt. Schon der Name der Autorin zieht. Und das nicht nur, weil es ihr gelungen ist, mit dem Debüt „22 Bahnen“ (2023) – das im vergangenen Herbst auch als Vorlage für einen Film mit Luna Wedler gedient hat – eines der erfolgreichsten Bücher des bisherigen Jahrzehnts vorzulegen.

Caroline Wahl polarisiert

Werden ihre Bücher meist eher gelobt, ist Caroline Wahl als Person mehr und mehr zum Gegenstand kritischer medialer Diskussionen geworden.  Statt sich konkret an ihren Texten abzuarbeiten, wird Wahl als Autorin die Authentizität abgesprochen. Stein des Anstoßes ist meist, dass sich die 31-jährige Autorin gern als leidenschaftliche Konsumistin inszeniert. So hält sie etwa mit ihrer Vorliebe für ausgefallene Schuhe nicht hinterm Berg, von Die Zeit ließ sie sich jüngst gar beim Shoppen von Luxushandtaschen begleiten. Auch dass sie gerne Millionärin wäre, verschweigt die Autorin nicht. Und ihre unpopuläre Vorliebe für schnelle Autos hat es sogar in die Widmung von „1999 Meter über dem Meer“ geschafft: „Für meinen Bruder Uli. Auf viele weitere Autos, die wir gemeinsam aussuchen werden.“ Und das obwohl Armut und materielle Zwänge wichtiges Thema ihrer Romane sind, ganz besonders in „22 Bahnen“.

2025 warf ihr die Journalistin Lea Gajić in einem TikTok-Video deshalb vor, soziale Ungerechtigkeit zwar zu thematisieren, aber wenig Interesse daran zu zeigen, diese aus der Welt zu schaffen. Stattdessen benutze Caroline Wahl das Erzählen von der Not anderer Menschen als Mittel, um sich selbst ein Leben in Saus und Braus zu finanzieren. Kritik an sozialer Ungerechtigkeit verkomme bei ihr zu einer bloßen Verkaufspose.

Als ein Mensch mit eher wohlhabendem Hintergrund aus der Perspektive eines Menschen in Armut zu schreiben, sei mindestens schwierig. Und es sei bei Wahls Umgang mit Geld nicht davon auszugehen, dass sie diese Lebensrealität tatsächlich begreife. Ein Kritikpunkt, der Wahl in etwas abgewandelter Form jetzt auch bei „1999 Meter über dem Meer“ einholt. Der taz sagte sie bereits im Voraus, dass sie mit Kritik für die in der Tat problematische Entscheidung rechne, als weiße Person aus der Perspektive einer Frau mit Migrationshintergrund zu schreiben.

Die Authentizität der Figuren ist wichtiger als die Authentizität der Autorin

Diese Diskussionen darf man führen, muss man vermutlich sogar. Aber es darf in all den Streitereien um die Person der Autorin nicht untergehen, dass ihr ein sehr unterhaltsamer Roman gelungen ist. Sicher: Angesichts des porträtierten Reichtums in den Schweizer Alpen werden nicht die ganz großen Systemfragen gestellt, die verhandelt werden könnten. Aber der sarkastische, flotte Erzählstil, gespickt mit dichten popkulturellen Anspielungen – von der Influencerin Jule Lobo bis zu Sofia Coppolas Film „Lost In Translation“ – vermittelt den authentischen Eindruck einer Protagonistin in ihren Zwanzigern, die über ihr Leben bislang nur weiß, was sie nicht will. Für den Lektürespaß selbst ist die Frage, wie authentisch die Ich-Erzählerin rüberkommt, entscheidender als die Frage, wie authentisch sich die Autorin Caroline Wahl zu den Figuren verhält.

kulturnews.letterDein Schlüssel zur Szene

Jetzt Zugang sichern

Exklusive Vorteile, Tickets, Events, News und Gewinnaktionen

Literatur

kulturnews.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.