Qobuz-Tipp der Woche: „The Ground above“ von Beth Orton
Seit 30 Jahren betört Beth Orton mit ihrem Mix aus Folk und Electronic. Reich geworden ist sie damit nicht – aber glücklich.
Beth, „The Ground above“, der Titel- und Auftaktsong deines neuen Albums, läuft satte achteinhalb Minuten lang. Sollte das so?
Beth Orton: Oh nein, dieses Lied wurde irgendwann zu einem gewaltigen Biest, das die Kontrolle übernahm und machte, was es wollte. Die ursprüngliche Idee für das Stück hatte ich bereits 2018 für mein Album „Weather alive“, aber so richtig konnte ich damals das Gefühl nicht festhalten. Die Statik stimmte nicht ganz. Ich knöpfte es mir nochmal vor, und während ich mit meiner Band im Studio tüftelte, kam der Drummer Tom Skinner hinzu. Er hat sich der Nummer mit seinem Free-Jazz-Furor angenommen, und siehe da, aus einem kleinen Glimmern wurde mit einem Mal dieses lodernde Feuer.
Stichwort Statik: Lässt sich Songschreiben mit Architektur vergleichen?
Orton: Ja, total. Wenn du den falschen Takt an die falsche Stelle setzt, kann schnell alles zusammenbrechen. Ich bin froh, dass ich meine eigene Produktion mitverantworte, weil ich meine Ideen so lange verfolgen kann, bis sie wirklich funktionieren. Andere hätten vielleicht längst aufgegeben oder gesagt: Nah dran ist mir nah genug.
Und was ist der wesentliche Unterschied zwischen Architektin und Musikerin?
Orton: Eine Architektin bekommt die Frage „Und? Kannst du davon leben?“ wahrscheinlich sehr viel seltener zu hören als ich. (lacht)
Für dein zweites Album „Trailer Park“ hast du 1996 zwei BRIT-Award-Nominierungen bekommen, du bist etabliert. Wie lautet deine Antwort?
Orton: Das hängt davon ab, wer fragt. Ich bin zu Beginn meiner Karriere durch meine Kollaborationen mit William Orbit oder den Chemical Brothers unwillentlich am Rand des Mainstreams entlanggeschlittert, das war finanziell kein Nachteil. Allerdings habe ich mich in der Pop-Welt immer etwas unbehaglich gefühlt, und heute hat sich das eh erledigt. Ich mache Musik für ein überschaubares Publikum, und zum Geldverdienen ist das schwierig. Aber anders würde es für mich nicht funktionieren.
Besonders rätselhaft wirkt der Song „Before I knew“. Worum geht es da?
Orton: Wenn ich das doch bloß selbst wüsste! Grob gesagt: um meine Vergangenheit. Mein Vater stammte aus der Plymouth-Brethren-Gemeinschaft, einer sehr strengen, ja fast sektenähnlichen Religionsgruppe. Die Menschen, die mir etwas darüber sagen könnten, schweigen. Warum, weiß ich nicht.
Das Album wirkt politischer als frühere Werke. Woher kommt das?
Orton: Kinder zu haben, politisiert dich. Nancy ist jetzt 19, Arthur ist 15, beide sind extrem künstlerisch interessiert und debattierfreudig. In manchen Fragen halten sie mich für eine Dinosaurierin aus den 80ern. Ich finde, wir erziehen uns gegenseitig. Und während ich dieses Album machte, wurde die Welt nicht ruhiger. „Love you right“ zum Beispiel kam aus einem Gefühl tiefer Ohnmacht und Frustration heraus. Ich wache nachts auf und frage mich: Kann irgendjemand irgendjemanden je wirklich genug lieben, um die Welt zu verändern? Kann Musik das?
Kann sie?
Orton: Ich weiß es nicht. Aber ich schreibe so, als ob das möglich wäre. Das ist das Einzige, was ich tun kann.