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Deep Dive: 33 Jahre Lambchop

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(Foto: Ingo Petramer)

Seinem Ziel einer kreativen Selbstauslöschung nähert sich Kurt Wagner im 32. Jahr von Lambchop, indem er sich für das archaische Album „Punching the Clown“ einen gespenstischen Chor an seine Seite holt.

Seit mehr als drei Jahrzehnten führt Kurt Wagner mit Lambchop eine der zugleich konstantesten als auch innovativsten US-Bands überhaupt. Grund genug, nicht nur das neue Album „Punching the Clown“ zu feiern. Nein, wir werfen auch einen ausführlichen Blick zurück auf die gesamte Laufbahn von Lambchop, die wir in der kulturnews schon sehr lange begleiten. Und dazu gibt’s natürlich auch etwas für die Ohren: Die Plattenaktion zum Special findet ihr bei unserem Kooperationspartner JPC.

Kurt Wagner von Lambchop: „Ich will irgendwie verschwinden!“

Eine knarzige Stimme, die ihr Alter nicht verhehlt, stolpert über das beiläufige Geklimper eines Banjos. Durch die Hintertür schleicht sich ein Chor ein, der so ganz anders klingt als alles, was wir bislang von amerikanischer Roots Music kennen. Lambchop sind wieder da. Dabei klang das mal ganz anders: Als Kurt Wagner und seine alternative Country-Formation Mitte der Neunziger mit ihren schwungvollen Balladen an den Start gingen, überraschten sie als erste Country-Big-Band der Neuzeit. Aber Wagner hat es seit eh und je geliebt, mit Paradigmen zu brechen, um neue Regeln aufzustellen, die er dann wieder selbst bricht, bevor ihm jemand anderes zuvorkommen kann.

Das neue Album „Punching the Clown“

Die Geschichte von Lambchop ist mit den neun Leben einer Katze vergleichbar. Immer wieder gelingt es Wagner, die Band neu aufzustellen. Wie viele ihrer neun Leben die Formation aus Nashville bereits aufgebraucht hat, ist nicht ganz klar, aber mit ihrem neuen Opus „Punching the Clown“ leiten sie sicher nicht ihre letzte Arbeitsphase ein. Nachdem sich Wagner auf mehreren Alben in elektronischer Musik verstiegen und mit Autotune provoziert hat, legt er jetzt nicht nur die intimste, sondern womöglich auch die archaischste Songsammlung der gesamten Bandgeschichte vor. Dieser Eindruck beruht nicht zuletzt auf dem von ihm eingesetzten Chor, der wie eine uralte Illusion von gemeinschaftlichem Gesang klingt. Und so ganz falsch ist diese Beobachtung nicht. „Ich mag die Vielzahl der Möglichkeiten, die sich aus dem kollektiven Einsatz menschlicher Stimmen ergeben“, bestätigt der alte Cowboy. „Ich wollte schon lange mit einem Chor arbeiten, habe nach einer Art des Songwritings gesucht, die nach einem Chor verlangt.“


Wagner ist ein Fuchs, der unter seinem Stetson immer wieder Ideen ausklamüsert, auf die andere Leute niemals kommen würden. Sein Murmeln erinnert an flüchtige Tagebucheinträge, für die der Geisterchor Papier und Tinte bereitstellt. Verantwortlich für die Chorparts war der Brite Blake Morgan, der schon für die letzten beiden Lambchop-Alben als Arrangeur gearbeitet hat. „Er hat ein inniges Verständnis für die Geschichte des Chorgesangs“, so Wagner. „Er wollte mit Formaten experimentieren, die für zeitgenössische Chöre eher untypisch sind. Die Chöre sollten nicht zur Aufhübschung der Songs dienen, sondern für sich selbst stehen. Blake wollte die Perfektion der Sängerinnen und Sänger unterminieren, um es persönlicher und intimer klingen zu lassen und dem Ganzen eben diese ganz spezielle gespenstische Stimmung zu verleihen. Jeder Song gab den jeweiligen Umgang mit dem Chor vor.“

Foto: Brydget Carillo

Der Austausch zwischen Wagners Stimme und dem Chor klingt wie ein Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Während der Sänger eine starke Präsenz im Hier und Jetzt hat, scheint der Chor aus einer imaginären Vergangenheit zu ihm zu sprechen. Dieser Kontrast ist beabsichtigt. Das Vorbild für den Wechselgesang hat Wagner in der schottischen Tradition des Lining Out Singings gefunden. „Das ist ein Call and Response-Gesang, der a capella ohne Noten oder aufgeschriebene Texte funktioniert. Der Clerk genannte Vorsänger singt, was immer er ausdrücken will. Der Chor hat normalerweise keinerlei Ausbildung und wiederholt, was der Clerk vorgibt. Für mich war es ein Mysterium, wie diese Chöre ihre Entscheidungen getroffen haben, aber nach langen Nachforschungen kam ich zu dem Schluss, dass das von einem spirituellen Ort kommt. Nennen wir es einfach Magie. Dss Lining Out Singing hat immensen Einfluss auf amerikanische Roots Music gehabt, von der Appalachian Mountain Music über Gospel und Blues bis zur zeitgenössischen Country Music. Diese Musik wiederzuentdecken ist, als würde man auf einem Familientreffen einem verlorenen Cousin begegnen.“

Genau genommen beschreibt das Album ein Dreieck von Wagners Stimme, dem Chor und dem Banjo, das von keinem Geringeren als Justin Vernon, besser bekannt als Bon Iver, gespielt wird. Wagner und Vernon kennen sich schon lange, und man muss nur wenige Töne dieses windschiefen Banjos hören, um Vernons Handschrift zu erkennen. Wagner ist ein unermüdlicher Forscher, dem es nach eigenem Bekennen um nichts anderes geht, als den Menschen mit seiner Musik zu einer neuen Erfahrung zu verhelfen. „Mein einziges Ziel besteht darin, Musik zu machen, die ich noch nie zuvor gehört habe“, ruft er lachend aus. Dieser Anspruch ist bei allen stilistischen Unterschieden das verbindende Element aller Alben von Lambchop der zurückliegenden 32 Jahre. All seinen Platten geht eine lange Phase der Einlassung, Forschung und Vorbereitung voraus. Und diese Forschungsreise ist noch lange nicht beendet.

Foto: Elise Tyler

Um Starruhm geht es dem Country-Veteran dabei schon längst nicht mehr. Kurt Wagner ist ein langer Bart gewachsen, er ist kaum wiederzuerkennen, um am wohlsten scheint er sich auf seiner Veranda zuhause in Nashville zu fühlen. Am Ende hat er nur noch einen Wunsch. „Ich möchte einen Weg finden, mein Ego komplett hinter meinen Songs zurückzustellen. Mein Plan besteht darin, Songs für Lambchop zu schreiben, in die ich selbst nicht mehr involviert bin. Ich will irgendwie verschwinden.“

Von 1994 bis 2022: Lambchop in der kulturnews

What another Man spills Das Album aus dem 1998 ist die erste Lambchop-Platte, die wir in der kulturnews vorgestellt haben. Der damalige Musikredakteur Matthias Wagner schreibt:  „Kurt Wagner hat Country abgebremst bis zur Zeitlupe, und wenn man sich umschaut und -hört, erkennt man die Adern des Genres, die einzelnen Poren. Doch seine Methode, Transparenz zu erzielen durch Langsamkeit, erweitert er auf diesem Album deutlich. „Give me your love“ etwa ist lupenreiner Curtis-Mayfield-Soul, inklusive selig groovender Funk-Gitarre, quirliger Streicher und original Falsett-Gesang. Lambchops bislang lebendigste CD, wenngleich zarteste Strukturen und weicheste Balladen nicht fehlen. Auch Vic Chesnutt nicht, der gern für Wagner singt – und sogar das Cover gemalt hat.“

Is a Woman „Alles neu macht der Kurt, wieder mal“, schreibt Matthias Wagner und skizziert die zarten Wandel des Lambchop-Albums aus dem Jahr 2002. „Nachdem Lambchop-Chef Kurt Wagner in den letzten Jahren die Fusion von Country und Mayfield-Soul vollzogen hatte, lässt er Curtis jetzt in Frieden ruhen – nur in „The new cobweb Summer“ kiekst er ihm eine schüchterne Reminiszenz zum Abschied nach. Ansonsten spielt Kurt die Musik des einsamen Mannes. Ein bisschen Piano, Gitarrengeklecker, heiser Gerauntes zu traurigen Melodien, die selbst eine todmüde Barjazz-Combo kurz vorm Kehraus nicht zarter spielen könnte. Klangfarbtupfer aus der Ferne – manchmal ein Hauch von Mädchenchor, mal ein Steelgitarrenecho – umzärteln die Songs, die wie ein Mobile in der Luft zittern.“

Mr. M Der Selbstmord seines Musikerkollegen und Freundes Vic Chesnutt hat Kurt Wagner in eine Schaffenskrise gestürzt. Lange war unklar, ob es überhaupt ein neues Album geben wird, und erst, nachdem er lange Zeit nur gemalt hat, kam die Musik zu ihm zurück. „Mein Selbstvertrauen als Musiker war von Vic abhängig“, sagt Wagner 2012 im Gespräch mit kulturnews-Redakteur Carsten Schrader. „Erst als ich Vic kennengelernt hatte, bekamen meine Songs einen Adressaten. Wir fingen an, über unsere Musik kleine krude Botschaften auszutauschen.“ Mit den Songs von „Mr. M“ kommuniziert er wieder mit Chesnutt – auch wenn er sich jetzt nicht sicher ist, ob der verstorbene Freund ihn hört.

Flotus „Diese Musik war schon immer Teil meines Lebens. Unsere Nachbarn hören das ständig, und es schallt aus den Boxen vorbeifahrender Autos, wenn ich auf der Terrasse sitze.“ Im Gespräch mit unserer Autorin Verena Reygers erklärt Kurt Wagner, warum er im Jahr 2016 plötzlich HipHop in den Lambchop-Sound integriert. Er hat digitale Produktionsmethoden studiert, die eigene, unverwechselbare Stimme geloopt, und die kulturnews-Autorin ist begeistert: „Es fiept, rauscht und beatet minutenlang. Wagners Gesang leiert, schert aus, überlappt sich selbst und bleibt doch anschmiegsam. Nicht mal die Anknüpfung an Disco scheut der Musiker, etwa auf dem 18 Minuten raschelnd voran groovenden ,The Hustle’“.

Trip Im Jahr 2020 lobt kulturnews-Autor Jonah Lara, dass Wagner zum angestammten Sound zurückkehrt: „Nicht nur, dass die selbsternannte ,most fucked-up country band in Nashville’ nach zwei Jahrzehnten gediegener Americana zwischen Country, Jazz und Soul plötzlich Elektronika und Autotune für sich entdeckt. Zwei Alben später bringt die Band um Kurt Wagner plötzlich wieder ein sprödes, größtenteils akustisches Coveralbum ganz ohne Autotune raus.“ Bei „Trip“ wollte sich Wagner aus dem Songwriting-Prozess heraushalten, weshalb jedes Bandmitglied basisdemokratisch einen Song zum Covern aussuchen durfte. Zu hören sind etwa Wilcos „Reservations“, aber auch das stampfende „Shirley“ der 70s-Rockband Mirrors.

Einflüsse, Weggefährten und Erben: Der Lambchop-Stammbaum

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