Nocturne von WASIA PROJECT: Eine Umarmung der Einsamkeit
Das bittersüße Album von Wasia Project vereint Gefühle von Einsamkeit und Verbundenheit. Auch klanglich zieht einen das Duo in den Bann: Nocturne schwebt zwischen Club-Sound und Piano-Pop.

„Nocturne“, das Debütalbum von Wasia Project, verwandelt die Ängste des Erwachsenwerdens in eine nächtliche Mythologie. Einsame Dämmerungen fließen in den Rausch des Dancefloors, auf dem sich Körper suchen und ineinander verschmelzen, Covid-Einsamkeit trifft auf ein Post-Brat-Berlin-Club-Gefühl. Es ist der Nachhall der Post-Corona-Jahre: Distanz, Isolation, Verbindungen, die zwischen digitaler und echter Welt zerfasernGenau dort, zwischen Nähe und Distanz, entfaltet sich die Mythologie, die das Geschwisterduo Will Gao und Olivia Hardy für ihr Debüt erschaffen hat.
Zwei Stimmen, eine klassische Wurzel
Will Gao und Olivia Hardy sind klassisch ausgebildet, das hört man „Nocturne“ in jedem Takt an: in den Streicherbögen, im Chorhaften ihrer verschmelzenden Stimmen, in der Präzision, mit der sie Dramatik aufbauen und wieder zurücknehmen. Und doch ist da noch etwas anderes, das sich unter die orchestrale Oberfläche schiebt: ein dynamischer Vogue-Einschlag, ein Nachhall aus der Ballroom-Kultur queerer Communitys, der sich so subtil mit dem chorähnlichen, fast sakralen Klangbild des Duos verwebt, dass man ihn eher spürt als hört. Olivias Stimme trägt dabei etwas Schwebendes, Transzendierendes, das einen sofort in seinen Bann zieht, bis sich das Album zum Schluss noch einmal aufbäumt und ein elektrisches Vogue-Outro sich in den Vordergrund drängt. Wer die beiden live erlebt hat, weiß: Diese Liebe zur Musik ist kein Pose, sie steckt in der Art, wie sie über Songs sprechen, wie sie komponieren, performen, spielen.
Durch die Nacht, Song für Song
Whale Call ist der emotionale Höhepunkt des Albums: eine Ballade mit floatendem, an Billie Eilish erinnerndem Gesang und atmosphärischer Gitarre im Hintergrund. Olivias Stimme trägt einen sanft durch das Gefühlschaos, wie auf dem Rücken liegend im weiten Ozean zu treiben, einsam und friedlich zugleich, umhüllt vom Wasser, sanft schaukelnd durch die eigenen Gedanken. Ihre Stimme schwebt darin wie ein Lichtstrahl durch dunkles Wasser, ein Ruf ins Leere, auf den niemand antwortet.
Sunken Quay erinnert zuerst an einen James-Bond-Soundtrack. Wo Olivia Hardy bislang an die Aura einer Olivia Dean mit den frühen Billie-Eilish-Vocals von „Ocean Eyes“ denken ließ, liefert sie hier pures Drama, Bond-Girl-Attitüde. Ein schlichtes Klavier trägt durch die Strophen, ehe der Refrain regelrecht theatralisch wird, als würden zwei Körper sich doch noch finden.
Strike Me Down From Heaven experimentiert weiter: Im Refrain verbinden sich die Stimmen der Geschwister zu einer mystischen Einheit, während sich das Tempo immer wieder verschiebt. Wie eine Verfolgungsjagd funktioniert die Dynamik des Songs, wie ein Streit, eine kreiselnde Beziehung. Man will Erleuchtung vom Himmel, will vom Blitz getroffen werden.
Moon Goddess ist ein Klaviertrack, ruhig zu Beginn, nur Klavier und Streicher, die ein romantisch-dramatisches Stück zum Träumen spielen. Ein weiterer Ausdruck davon, wie sehr Wasia Project als Künstler:innen ihre Musik fühlen. Der Track ist ein klassischer Moment für barocke Shows wie „Bridgerton“, gemacht dafür, aus dem Fenster zu starren und sich selbst bei einem Ball vorzustellen.
Aus klassischer Ausbildung, Clubsound und kinoreifem Piano-Pop entsteht mit „Nocturne“ ein Album, dem es gelingt, Einsamkeit einzufangen und trotzdem den Nachhall einer umhüllenden Umarmung zu hinterlassen. Man hört es und schwimmt plötzlich selbst im Meer, läuft im Mondlicht durch den Wald, friedlich, aber allein, umhüllt von der Welt und doch für sich.
Musik


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