Mühelos ist harte Arbeit: Overmono sind die Erneuerer des UK-Dance
Wer wissen will, wieso die Brüder Tom und Ed Russell alias Overmono als Erneuerer des UK-Dance gelten, sollte mal in Opas Schuppen nachschauen.

Tom, Ed, seit eurem gefeierten Debütalbum werdet ihr vielerorts als Erneuerer des UK-Dance-Sounds gefeiert. Da dürfte mächtig Druck auf „Pure Devotion“ gewesen sein.
Ed Russell: Bizarrerweise hatten wir eine so klare Vision für dieses Album, da war wenig Platz für Druck.
Was war die Vision?
Tom Russell: Wir sind besessen von Equipment und Hardware. Alles begann damit, dass wir auf der Suche nach 70s- und 80s-Synths waren. Geht es um Sound, sind uns Charakter und Spezifik sehr wichtig, weshalb wir immer versuchen, aus dem Equipment die unkonventionellsten und extremsten Sounds herauszuquetschen. Für „Pure Devotion“ haben wir zudem viele Bücher von Produzenten und übers Produzieren gelesen, etwa von Trevor Horn oder über The KLF und Radiohead. Unsere Idee war es, die Produktionsmöglichkeiten, die eine Band hat, auf unsere Arbeit zu übertragen. Wir haben etwa Sounds durch einen Bahnhofslautsprecher aus den 30er-Jahren gejagt und Vocals in Kellerzimmern aufgenommen.
Und den Bahnhofslautsprecher aus den 30er-Jahren gab’s dann bei Kleinanzeigen?
Ed: Unser Engineer John ist uns eine große Hilfe. Den Lautsprecher hatte er noch in seinem Schuppen, keine Ahnung, wo er den nun wieder herhatte. (lacht) Mittlerweile haben wir so viel verrückten Scheiß bei uns im Studio.
In Anbetracht der Tatsache, dass „Pure Devotion“ nach einer von euch ins Leben gerufenen Eventreihe benannt wurde, überrascht diese Fokussierung auf Studio und Produktion. Da hätte ich eine eindeutigere Hierarchie erwartet: Live first, Studio second.
Ed: Das Performative, die Hands-on-Mentalität und das Risiko unserer Liveshows, dass alles jederzeit ins Chaos stürzen kann, überträgt sich bei uns immer auch ins Studio. Wir nehmen einfach auf, experimentieren. Feedbacks und Delays geben dem Sound Textur. Und der First Take ist in 95 Prozent aller Fälle der beste.
Und trotzdem sind diesmal mitunter über 80 Versionen eines einzigen Songs entstanden. Ist das dann Perfektionismus oder bloß die Lust am Experimentieren?
Tom: Ich würde es nicht Perfektionismus nennen. Wir haben bloß eine genaue Vorstellung, und die ist ganz bestimmt nicht perfekt.
Sondern?
Tom: Was anderes. (lacht)
Ed: Wir wissen vorab genau, welchen emotionalen Muskel wir kitzeln wollen, und dann wird herumexperimentiert, bis wir ihn treffen.
Im Zuge dieser Produktion seid ihr zudem tief in die Geschichte des Postpunk eingetaucht. Euer DIY-Handwerk steht ja durchaus in der Punk-Tradition. Was fasziniert euch aber so am Postpunk?
Tom: Hauptsächlich die Attitüde, die Grenzenlosigkeit und das Umarmen des Fehlers und des Chaos’. Das meint Ed auch, wenn er sagt, dass der First Take in der Regel der beste ist.
Ed: Die Mühelosigkeit fasziniert mich. Auch, wenn dahinter über 80 Recordingsessions stecken. Wir haben teilweise zwei Tage lang Feedbacks und Delays aufgenommen. Nur, damit es am Ende möglichst mühelos wirkt. Mag paradox klingen, fühlt sich aber sehr frei an.
„Umarmen des Fehlers“, das gefällt mir sehr gut. Gerade heute, da dank KI vieles makellos und glatt wirkt.
Tom: Darüber haben wir nie nachgedacht, aber …
Ed: Wir haben ein Anti-AI-Album gemacht – by accident! (lacht)
Habt ihr als Rausschmeißer für mich noch ein paar Anspieltipps? Stichwort: müheloser Sound und Umarmen des Fehlers.
Ed: Wir haben zuletzt viel Can gehört, „Future Days“ vielleicht? Oder „Rumspringa“, das neue Album von Ear – fucking fantastisch!
Tom: Jaaa, das ist toll.
Musik


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