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Film

Biermann im Kino: Die Angst des Staates vor dem Menschen

Der Film des Regisseurs Jens Meurer über den bald 90-jährigen Wolf Biermann zeigt das mehr als nur bewegte Leben des Liedermachers, vor dem sein Staat so viel Angst hatte, dass er ihn rauswarf.

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(Foto: Majestic)

Wolf Biermann fand und findet oft kein Ende, weder im Gespräch noch im Konzert. Als er im Jahr 1976 in Köln das von der IG Metall veranstaltete und längst ikonische Konzert gab, dauerte es viereinhalb Stunden. Gut, es war das erste öffentliche Konzert seit mehr als einem Jahrzehnt überhaupt, das der in der DDR mit Auftrittsverbot belegte Liedermacher gab, er hatte also etwas nachzuholen. Dass sein kommunistisches Heimatland den Kommunisten Biermann als politisch gefährlich einstufte und wenige Tage später ausbürgerte, löste die größte Protestwelle in Ostdeutschland überhaupt aus, in deren Folge viele weitere Künstlerinnen und Künstler das Land verließen, unter anderem Biermanns frühere Lebensgefährtin und Schauspielstar Eva-Maria Hagen sowie deren Tochter Nina Hagen, die später in der Bundesrepublik Karriere als Punkrocksängerin machte.

Regisseur Jens Meurer hat seine bekanntesten Dokumentarfilme auf Zelluloid gedreht und ist ein großer Anhänger der Verknappung von Material beim Drehen. Bereits bei seinem Film „An Impossible Project“ über die Rettung der weltweit letzten Polaroid-Fabrik durch den Wiener Biologen Florian Kaps deckten sich Inhalt und Produktionsmethode: Die Polaroid-Rettung wurde auf Zelluloid gebannt. Jetzt sagt Meurer: „Gerade in der Arbeit mit einem sinnlichen Künstler, der ohnehin ständig gefilmt wird, funktioniert das gut: das langsamere, bedachte Arbeiten, das eingespielte Filmteam mit seinen ungewöhnlichen Handgriffen wie Rollenwechsel und Filmeinlegen, die Notwendigkeit, sich aufgrund des begrenzten Materials kurz zu fassen. Es entsteht eine andere Arbeitsatmosphäre, ein Vertrauensverhältnis, das sich mit dem digitalen ,Lass laufen, alles einfangen‘-Ansatz schwerer herstellen lässt.“

 

Wolf Biermann weiß das und fasst sich durchaus kurz. Außerdem merkt man den Aussagen Biermanns und seiner Frau Pamela das Vertrauen an, das sie dem Regisseur entgegenbringen. Meurer aber montiert sein 36mm-Material mit Westfernsehen-Aufnahmen aus den 1960ern und frühen -70ern, als westdeutsche TV-Teams und Reporter beim mit Berufsverbot versehenen Liedermacher in der Berliner Wohnung in der Chausseestraße 131 ein und aus gingen. Man könnte vor allem die alten Stasi-Aufnahmen düster und gefährlich inszenieren, was in vielen Filmen über die DDR auch gemacht wird. Biermanns lakonische Stimme jedoch, mit der der Künstler heute das damalige Geschehen kommentiert, lässt diesen Schauer nicht zu. Jede erlittene Schikane verbindet er mit eigenen Gegenmaßnahmen, jedes Erzählen von Überwachung und Bespitzelung ist von Humor getränkt. Vielleicht lässt er einen tieferen Blick in sein Inneres nicht zu, doch Biermanns immer wieder ausgesprochenes Motto spricht Bände: „Man geht nicht an den Schlägen kaputt, die man einsteckt, sondern an den Schlägen, die man nicht austeilt.“

 

Jens Meurers Film ist durchaus die Betrachtung des politischen Wolf Biermann. Mehr noch aber schaut er in das Leben des Künstlers, der nebenbei auch noch verdammt politisch ist. So geht die Dokumentation mit Fotos bis in die späten Kriegsjahre in Hamburg zurück, wo die Familie lebte. Biermanns Vater, Jude und Kommunist, Hamburger Werftarbeiter und am Druck der illegalen KPD-Zeitung beteiligt, wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Seine Mutter erkor ihren Sohn Wolf später zum Vollender der politischen Ambitionen ihres Mannes, und so übersiedelte Wolf Biermann mit 16 in die DDR, um den Staat mit aufzubauen. Doch der Verbannung vom Theater folgte das Berufsverbot als Liedermacher. Dieses Verbot machte Biermann angesichts der Westmedien, die in der DDR ja durchaus gesehen und gelesen werden konnten, zum Star und die DDR auch öffentlich zum repressiven Staat.

 

Dass Biermann genau wegen seines Auftrittsverbots Relevanz als Künstler besaß, dass die DDR seine – auch politische – Heimat war: Das alles war Quelle für seine Kunst, seine Lieder, seine Texte. Der Kommunist rieb sich an seiner Heimat. Doch obwohl man in vielen Kreisen der Bundesrepublik in den 1970ern Angst hatte vor dem Kommunisten Biermann, den die DDR nicht mehr zurückhaben wollte, war es mit der Relevanz des politischen Künstlers im Westen zu Ende. Nie wieder besaßen seine Lieder die Sprengkraft wie zu seinen DDR-Zeiten. Die größte Kontroverse löste er 2014 im Bundestag aus, wo er 25 Jahre nach dem Mauerfall bei der Feier reden durfte und neben heftigen Anwürfen gegen die Partei Die Linke – natürlich – seine Redezeit überschritt. Kein Wunder, dass Jens Meurer sich in der Folge auf mehr Privates konzentriert. Diese Momente aber machen das Bild des Porträtierten überhaupt erst vollständig. Manchmal insistiert Meurer aus dem Off selbst, wenn ihm eine Antwort Biermanns nicht ausreicht. Öfter aber ist es Wolfs Gattin Pamela Biermann, die ihm im Dialog Paroli bietet und so einen ganz anderen Menschen aus ihm macht als den öffentlich bekannten. Wenn sie zum Beispiel gemeinsam über den Hugenottenfriedhof in Berlin schlendern und sich vorstellen, zwischen den Größen der Kultur selbst mal begraben zu sein. Oder wenn Biermann im Garten seines Haues in Hamburg steht und sagt, er wolle die Erinnerung an die Ermordung seiner Familie im Nazideutschland wach halten.

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