Birgit Minichmayr über „Everytime“: Sich der Utopie überlassen
Kaum ein Film hat so bildgewaltig und zugleich eigenwillig von Trauer erzählt wie Sandra Wollners neues Drama – auch dank Hauptdarstellerin Birgit Minichmayr.
Frau Minichmayr, was hat Sie an „Everytime“ angezogen?
Birgit Minichmayr: Ich verfolge ich die Regisseurin Sandra Wollner seit ihrem ersten Film „Das unmögliche Bild“. Ich bin sehr beeindruckt von ihrer ungewöhnlichen Art, zu erzählen. So ist es mir auch mit dem Drehbuch zu „Everytime“ gegangen, in dem sie einen außergewöhnlichen Zugang zum Thema Trauerbewältigung findet: ein immenser Verlust, der sich zum Ende in eine Utopie begibt. Auch, dass die Erzählung nach dem Todesfall ein Jahr pausiert, fand ich sehr klug.
Der Film vereint einen naturalistischen Ansatz mit surrealen und richtiggehend magischen Momenten – eine schwierige Balance. Haben Sie sich stärker auf der einen oder der anderen Seite eingeordnet?
Minichmayr: Der Spielstil, den Sandra gesucht hat, war auf jeden Fall extrem dokumentarisch. Sie hat das sehr erdige, bodennahe Beobachten einer Kleinfamilie gesucht, die mit einem Verlust umgehen muss. Das Magische kommt ja von außen hinzu.
Sie spielen Ella, die ihre Tochter Jessie bei einem Unfall verliert. Aber wie Sie schon sagten, werden viele Szenen, die in anderen Filmen im Zentrum stünden, gar nicht gezeigt, etwa das Begräbnis. Wie war es, Trauer zu spielen, die so wenig sichtbar ist?
Minichmayr: Für mich war es sehr befreiend, dass Ellas Trauer so sehr nach innen gezogen wird. Dadurch, dass sie auch Mutter einer kleineren Tochter ist, erzählt der Film auch viel über das Weitermachen, das Weiterfunktionieren. Gleichzeitig ist Ella tief verwundet, sie fühlt sich geradezu radioaktiv verstrahlt. Am Set habe ich zwei Bücher in Endlosschleife gelesen, in denen Autorinnen über den Verlust ihrer Kinder schreiben: „Dreh dich um“ von Therese Tungen und „Carls Buch“ von Naja Marie Aidt. Beide schreiben über das Paradoxe, sich zu wünschen, dass die Welt stillsteht – aber das tut sie natürlich nicht.
Ein Gefühl, dass dadurch verstärkt wird, dass die Verstorbene Ella eigentlich überleben sollte.
Minichmayr: Thomas Brasch hat das toll auf den Punkt gebracht: „Vor den Vätern sterben die Söhne“. Es ist etwas Widernatürliches, dass unsere Kinder vor uns gehen. Aber auch der Tod an sich kann sich so anfühlen, weil wir eben nicht wissen, was danach kommt.
Im Film reist Ella schließlich mit ihrer zweiten Tochter Melli und Lux, dem Freund von Jessie, den viele für ihren Tod verantwortlich machen, nach Teneriffa. Dort geschieht dann etwas eigentlich Unmögliches …
Minichmayr: Das finde ich ja so toll! Sandra Wollner hat damit auch eine Art Ode an den Film geschaffen, weil sie ihm andere Gesetzmäßigkeiten erlaubt und uns daran erinnert, was Kino wirklich kann. Es ist fast eine Art Adaption von Schrödingers Katze: Jemand ist anwesend und abwesend zugleich. Das Ende ist für mich auch sehr spirituell. Deshalb ist es für mich auch gar nicht so interessant, was sozusagen wirklich passiert – da gibt es ja sehr unterschiedliche Interpretationen. Es geht darum, nicht dem eigenen Bedürfnis nach Realität oder Verständnis nachzugeben, sondern sich der Utopie zu überlassen.
„Everytime“: Kritik
Über Berlin geht die Sonne auf, und die Teenagerin Jessie (Carla Hüttermann) sitzt zusammen mit ihrem Freund Lux auf dem Dach eines Hochhauses und bewundert das Spektakel. Nach einer durchtanzten Clubnacht und benebelt von den Drogen ist der Anblick für sie noch unwirklicher. „Schau mal!“, sagt Jessie und fällt in die Tiefe. In diesem Moment entstehen Risse im Leben und in der Wahrnehmung der Beteiligten, deren Tiefe sich erst mit der Zeit erweisen wird.
Bis zu diesem Bruch hat Sandra Wollner mit dokumentarisch anmutender Genauigkeit den Alltag von Jessie, ihrer jüngeren Schwester und ihrer Mutter Ella (Birgit Minichmayr) eingefangen. Lange bleibt unklar, wohin das Ganze führt. Auf das Unglück folgt ein Zeitsprung. Melli hat nun endlich ein Zimmer für sich, Lux war ein Jahr im Ausland, das Leben geht einfach weiter. Erst nach und nach zeigt sich, dass die Trauer nur verdrängt, nicht bewältigt ist. Melli schickt ihrer verstorbenen Schwester heimlich weiter Textnachrichten, Lux leidet unter Schuldgefühlen, und Ella will sich dem Schmerz nicht stellen. „Everytime“ ist jedoch alles andere als ein trostspendendes Drama über Verlusterfahrung und Trauerbewältigung. Dass nach einem solchen Schicksalsschlag gefühlstechnisch ein Riss durch die Zeit geht, nimmt Wollner beim Wort. Urlaubsvideos, Fotos aus Kindheitstagen, aber auch die pixelige Minecraft-Welt, Jessies Lieblingscomputerspiel, bekommen ein Eigenleben, bis sich die reale Welt in ein mysteriöses, surreales Zwischenreich verwandelt. „Everytime“ verlangt den Zuschauer:innen zunächst viel Geduld ab und liefert auch keine simple Erklärung. So wenig, wie sich emotionale Ausnahmezustände rational greifen lassen. Belohnt wird man hingegen mit einem schwindelerregenden Finale und einer virtuosen Bildästhetik.
Axel Schock