Broken Social Scene: Weniger KI geht nicht
1999 haben Brendan Canning und Kevin Drew Broken Social Scene gegründet. Fast 30 Jahre später ist die Botschaft des kanadischen Kollektivs wichtiger als je zuvor.
Brendan, euer letztes Album ist fast ein Jahrzehnt her. Ist es so schwierig, alle Mitglieder von Broken Social Scene unter ein Dach zu bekommen?
Brendan Canning: Na ja, so lang war die Pause gar nicht. Wir waren ja nicht untätig in dieser Zeit, haben getourt, sind aufgetreten, vor und nach der Pandemie. Es ist nicht so, als wären fünf Jahre vergangen, in denen wir nicht miteinander geredet hätten. Es gab auch weiterhin Geburtstagsfeiern, Beerdigungen, all das.
Ich hatte mir vorgestellt, dass ihr eure Mitglieder wie in einem Heist-Film zusammentrommelt, während sie auf einer Farm Holz hacken.
Canning: Das wäre die romantische Hollywood-Version, aber ganz so war es nicht. (lacht) Immerhin haben wir mit der Arbeit an diesem Album bei Kevin zu Hause auf dem Land begonnen, wo wir gemeinschaftlich gelebt haben. Also waren Holzhacken, Schwimmen und Lachsfischen durchaus an der Tagesordnung.
Klingt idyllisch.
Canning: War es auch. Aber auch ein bisschen … (lacht) Du wachst auf, und da sind direkt deine Bandkolleg:innen. Es ist, als wärst du wieder bei deiner Familie eingezogen.
Ihr seid bekanntermaßen mehr Kollektiv als Band, mit über zehn Mitgliedern und wechselnden Features auf jedem Album. Muss man da sehr kompromissbereit sein?
Canning: Na klar, du musst deine Individualität zurückstellen. Vor allem, wenn alle unter einem Dach leben oder im selben Tourbus reisen. Und ganz besonders dann, wenn es um Kunst geht.
Fällt euch das mittlerweile leichter als früher?
Canning: Nur teilweise, immerhin sind wir noch dieselben Leute wie damals. Aber vielleicht sind wir nicht mehr ganz so empfindlich, was unsere Ideen angeht. Früher hätten einzelne etwa auf einem bestimmten Gitarrenpart bestanden, heute geben wir eher mal nach. Das Wichtigste ist, dass am Ende ein guter Song rauskommt. Es geht ja nicht nur darum, dass das Ergebnis dir selbst oder auch nur der Band gefällt – am Ende machst du Musik für andere Menschen.
Das klingt auch im Albumtitel „Remember the Humans“ an. Den kann man sowohl aus der Gegenwart lesen als auch aus einer theoretischen Zukunft, in der es die Menschheit nicht mehr gibt. Habt ihr an diese postapokalyptische Szenerie gedacht?
Canning: Ich würde sagen, der Titel hat eher etwas Ironisches: Hey, wir Menschen sind auch noch da! Aber natürlich fühlt sich die Welt aktuell gern mal postapokalyptisch an. Wir werden pausenlos mit Tragödien bombardiert: Oh, heute sind wieder Leute im Iran, im Sudan, in Palästina gestorben. Das sind alles individuelle Menschen, doch im Fluss auf dem Bildschirm geht das schnell unter. Aber es geht auch um die Begegnungen, die wir etwa auf Tournee haben – und die jüngeren Generationen immer stärker abhandenkommen.
Gerade im Kontext von Social Media und KI-Musik wirkt euer Ansatz wie ein Gegenstatement.
Canning: Hoffentlich inspiriert unsere Art, Musik zu machen, auch immer wieder andere Menschen. Wir versuchen, uns nicht davon einengen zu lassen, wie das Konzept Band gemeinhin verstanden wird. Letztlich geht es einfach darum, zusammenzukommen und gemeinsam etwas zu schaffen. Natürlich hoffen wir auch, damit erfolgreich zu sein. Aber man darf für den Erfolg nicht sein ganzes Leben opfern – das ist auch etwas, was wir mit der Zeit gelernt haben.