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„Das weiße Haus am Rhein“ in der ARD: Ein besonderes Portrait der goldenen 20er-Jahre

„Das weiße Haus am Rhein“ in der ARD: Die Familie Dreesen leitet gemeinschaftlich das Familienhotel.
„Das weiße Haus am Rhein“ in der ARD: Die Familie Dreesen leitet gemeinschaftlich das Rheinhotel.Foto: ARD Degeto/SWR/WDR/Zeitsprung Film/Krzysztof Wiktor

Der Zweiteiler „Das weiße Haus am Rhein“ fängt die Weimarer Zeit aus einer ganz speziellen Perspektive ein. Ab sofort in der ARD-Mediathek.

Dass sich aktuell die goldenen zwanziger Jahre wiederholen würden, wäre in Anbetracht der Weltlage wohl eine anmaßende Prognose. Und auch die 1920er sind in der Retrospektive sicherlich romantisch verklärt. Der ARD-Zweiteiler Das weiße Haus am Rhein (beide Teile in der ARD-Mediathek streamen) nimmt sich jener diffusen Weimar-Zeit an und zeichnet ein detailliertes Bild voller Kriegstraumata, Nationalismus, Rassismus und Sexismus. Dem gegenüber steht das emanzipatorische Aufbegehren einer jüngeren Generation, die vor allem einen gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruch wagen möchte.

Was sonst aus einer Berliner Perspektive erzählt wird, findet hier in der rheinländischen Provinz statt. Genauer: im „Rheinhotel Dreesen“, das erste Grand-Hotel Deutschlands. Zufluchtsort für Intellektuelle und Künstler:innen, Ort der Begegnung, aber auch das Lieblingshotel Hitlers.

„Das weiße Haus am Rhein“ ab sofort in der ARD-Mediathek

Emil Dreesen (Jonathan Berlin) leidet, wie viele junge Männer seiner Zeit, an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Doch statt sich davon innerlich zerfressen zu lassen, versucht er, seine Traumata in positive Energie umzuwandeln, um diese in das Familienhotel zu stecken. Sein Plan: Aus dem Hotel soll ein Ort der kulturellen Vielfalt, des Glamours und des Amüsements werden. Emils nationalistischer Vater Fritz Dreesen (Benjamin Sadler) ist von dieser Idee alles andere als überzeugt, doch als sein Sohn mit den französischen Besetzern einen Deal eingeht, lässt er ihn gewähren.

Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Ein ehemaliger Frontkamerad (Hendrik Heutmann) taucht auf, um Emil mit einem dunklen Kriegsgeheimnis zu erpressen, seine Schwester Ulla (Pauline Rénevier) gebärt ein uneheliches Kind mit dem senegalesisch-französischen Soldaten Bakary Diarra (Farba Dieng), und das kommunistische Zimmermädchen Elsa (Henriette Confurius) erschießt einen französischen Offizier bei dem Versuch, sie zu vergewaltigen. Emils Zukunftsvision scheint schwerer umzusetzen als erwartet – und als schließlich ein aufstrebender Politiker Namens Adolf Hitler (Max Gertsch) mit seiner Entourage das Hotel als Hauptquartier am Rhein nutzen will, knickt selbst Emils Rückgrat ein.

„Das weiße Haus am Rhein“: Ein plastisches Zeitkolorit

Das weiße Haus am Rhein portraitiert eindrucksvoll eine Zeit voller Widersprüchlichkeiten. Der Zweiteiler erzählt eine Geschichte über die großen Zerwürfnisse einer von Krieg und Inflation zerrütteten Gesellschaft: voller patriarchaler Gewalt, unmöglicher Liebe und nationalistischer Ideologie. Thorsten M. Schmidts Inszenierung zeigt, wie wichtig es ist, für seine Ideale einzustehen, sich aus repressiven Strukturen zu befreien und ein solidarisches Miteinander zu forcieren.

Ausdrucksstarke Bilder, tolle Kostüme, detailliertes Set-Building und ein durchweg gutes Schauspiel erzeugen ein plastisches Zeitkolorit, das einen in das altehrwürdige Hotel der 1920er-Jahre eintauchen lässt. Und obwohl Emil aufgrund seines Kriegstraumas nichts mehr schmecken oder riechen kann, haben wir als Zuschauer:innen doch das Gefühl, sinnlich dabei gewesen zu sein.