„Der Tod der Autorin“ von Nnedi Okorafor
Erfolg als Bruchstelle: In „Der Tod der Autorin“ verwebt Nnedi Okorafor die Lebensgeschichte ihrer Protagonistin mit SciFi-Elementen – und schafft damit einen kraftvollen Roman über Sichtbarkeit.
„Der Tod der Autorin“ von Nnedi Okorafor zeichnet ein vielschichtiges Porträt einer komplexen Protagonistin: Zelu wollte immer nur gesehen werden, doch als plötzlich alle Augen auf sie gerichtet sind, muss sie sich fragen, wer sie eigentlich sein will – jenseits der Erwartungen anderer. Zelu ist Schriftstellerin, schwarz, sitzt im Rollstuhl und stammt aus einer großen, traditionsbewussten nigerianischen Familie, die in die USA ausgewandert ist. Schon früh wird klar: Sie fällt aus dem Raster und eckt an. Während ihre Geschwister heiraten oder „vernünftige“ Berufe ergreifen, schreibt Zelu Bücher – und scheitert. Zehn Jahre Arbeit an einem Roman, eine Absage, der Verlust ihres Uni-Jobs, alles an einem einzigen Tag.
Zelu erreicht einen Tiefpunkt, doch genau aus diesem Moment heraus gelingt ihr Durchbruch. Zurückgezogen, ohne Rücksicht auf Erwartungen, schreibt Zelu ein Buch, das sich nicht zähmen lässt: „Rusted Robots“. Ein Sci-Fi-Werk, welches eine Zukunft voller humanoider Roboter, künstlicher Intelligenz und einer Welt am Kipppunkt entwirft. Der Roman wird über Nacht zum internationalen Bestseller. Zelu wird gefeiert. Doch privat beginnt alles zu zerbrechen: Konflikte mit der Familie, Brüche mit Traditionen, der gnadenlose Druck, im Rampenlicht sichtbar zu sein – aber bloß nicht zu viel.
Realität trifft Science-Fiction
Nnedi Okorafor erzählt diese Geschichte auf mehreren Ebenen. Wir begleiten Zelu nah und schonungslos, lesen Interviewausschnitte ihrer Familie und Freunde und tauchen immer wieder in „Rusted Robots“ ein. Realität und Fiktion verschränken sich, Leben und Werk spiegeln einander. Es entsteht ein vielschichtiges Porträt einer Autorin: So, wie sie sich selbst erlebt. Und so, wie andere sie sehen. Besonders stark ist Zelus persönliche Geschichte: Ihr Zorn, ihre Verletzlichkeit und ihr Hunger danach, endlich sie selbst sein zu dürfen, sind greifbar. Die Science-Fiction-Ebene wirkt zunächst abstrakter, fast sperrig. Roboter, KI und futuristische Konzepte sind nicht sofort zugänglich. Doch nach und nach kristallisiert sich eine Verbindung heraus, die nicht mehr zu übersehen ist. Zelus‘ Roboter sind wie sie selbst: verändert, bewertet, kontrolliert, nach „Reparaturen“ nicht mehr dieselben. Schreiben wird zu dem einzigen Ort, an dem sie frei ist. Und irgendwann kippt etwas, die Grenzen verschwimmen. Die Autorin verwebt beide Ebenen so konsequent, dass schließlich die entscheidende Frage lautet: Wer erzählt hier wessen Geschichte?
Am Ende steht keine einfache Erlösung. Zelu lernt, für sich selbst einzustehen, ihre Haltung nicht länger zu verstecken, auch wenn es bedeutet, Menschen zu verlieren und Risiken einzugehen. Sie erkennt: Wenn alle Augen auf sie gerichtet sind, muss sie wissen, wer sie ist und wer nicht. Nnedi Okorafor erzählt davon mit großer emotionaler Wucht. „Der Tod der Autorin“ ist ein kluger, kompromissloser Roman über Kunst, Identität und Selbstbestimmung. Ein fesselnde Erzählung über die Macht von Geschichten. Und über den Preis, den man zahlt, wenn man sich erlaubt, wirklich zu strahlen.