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Die besten Krimis 2020: Vier Empfehlungen für den September

Die besten Krimis 2020: Vier Empfehlungen für den September

Thrill für Spätsommertage: Harald Lüders verdichtet in seiner Mitch-Berger-Serie Rechtsradikalismus und Integrationsprobleme zu einem glaubwürdigen und rasanten Thriller – und schafft es so mit „Lass Gott aus dem Spiel“ auf unsere Liste der besten Krimis im September 2020. „Rose Royal“ von Nicolas Mathieu ist ein auf wenige Seiten komprimierter und elegant erzählter Noir, der schonungslos die Fallstricke der Liebe offen legt. auch William Gay steht mit einem kompromisslosen Noir auf unsere Liste der besten Krimis im September 2020: „Stoneburner“ wurde nach Gays Tod als Manuskript in einer Plastikbadewanne gefunden. Und auch von Max Annas gibt es neuen Lesestoff: Im zweiten Band seiner Ostpolizei-Serie lässt er ein paar Jugendliche gegen den Staat rotzen – und holt so ein für die DDR undenkbares Verbrechen ans Tageslicht. Mit „Morduntersuchungskommission – Der Fall Melchior Nikoleit“ steht Max Annas ganz oben auf unserer Liste mit den besten Krimis im September 2020.

die besten Krimis im September 2020 „Rose Royal“ von Nicolas Mathieu4. Nicolas Mathieu: Rose Royal

Männer sind Tiere! Das muss Frau mit Ende 40 endlich mal gecheckt kriegen. Rose hat genug von den Kerlen, die erst auf Lieblingsmensch machen und am Ende doch zum Arschloch werden, um ihr Ego durchzudrücken. Jetzt trägt sie einen Revolver in ihrer Handtasche: Neun Millimeter, geladen. Sie würde abdrücken, wenn ihr jemand grobschwanzig kommt. Der Stahl ist eiskalt und fühlt sich ziemlich gut an: härter und endgültiger als je ein Macho es sein könnte. Doch es ist nicht so leicht, von den Kerlen zu lassen. In der Bar „Royal“ trifft sie auf Luc, der dann doch mal anders ist: Er macht in Immobilien und hat sich auch schon die Hörner abgestoßen. Versuch es, Rose! Zur Not hast du ja noch den Revolver. Die beiden zwitschern sich einen, sie turteln sich an und vögeln drauflos. Doch sie sind zu voll, es richtig zu machen. Aber das wird schon, denkt sich Rose, die den richtigen Absprungmoment verpasst und von launigen Absackerficks wieder in so ein getaktetes Partnerding schlittert: Sie zieht bei ihm ein, begibt sich in Abhängigkeit und widersteht ihrem Freiheitsdrang. Rose hört nicht auf ihre Freundin Marie-Anne, sondern vertraut dem Revolver. Ein falsches Wort, ein kleiner Vorwurf, ein Missverständnis. Mann schweigt, Mann schmollt. Aus Verletzung wird Verachtung. Erst subtile Spielchen, dann entlädt sich aufgestauter Hass … Jeweils ein Schuss markiert den Beginn und das Ende der Beziehung zwischen Rose und Luc. Zwei knallharte Entscheidungen über Leben und Tod, mit denen Nicolas Mathieu auch abgebrühte Leser noch überrascht und berührt. Dazwischen zeigt Mathieu in gekonnt kurzen Sätzen, wie Verführung, Macht und Selbsttäuschung funktionieren. „Rose Royal“ ist ein auf wenige Seiten komprimierter und elegant erzählter Noir, der schonungslos die Fallstricke der Liebe offen legt. Mathieu zeigt, dass nicht nur Männer Tiere sind, wenn wieder einmal die Triebe locken.

Hanser Berlin, 2020, 95 S., 18 Euro

Aus d. Franz. v. Lena Müller u. André Hansen

die besten Krimis im September 2020 „Stoneburner“ von William Gay3. William Gay: Stoneburner

Ex-Sheriff Cap Holder ist stinkig: Gerade hat er die Drogenheinis abgezogen, da ist auch schon der Koffer mit der Kohle futsch – und seine hübsche Chica Cathy komischerweise auch. Er beauftragt den hartgesottenen Privatschnüffler Stoneburner, bei der Sache nachzuhaken. Kann ja kein Zufall sein. Ist es auch nicht: Schmierlapp Thibodeaux hat sich Geld und Girlie geschnappt. Warum auch nicht? Mit Highspeed auf nach Westen – oder auch nirgendwohin. Amerika! Trotz fucking Vietnam ein ziemlich chilliger Roadtrip, auch wenn man den neuen Caddie schrottet. Stoneburner – die Haare bis zur Schulter, die 45-er im Hosenbund, das Sixpack griffbereit im Pick-up – kennt Hasenhirnie Thibodeaux. Der Dude kommt nicht klar, der macht Fehler, der dreht ab. Macht er auch. Drogengeld und blonde Dinger – geht nie gut aus. William Gays kompromisslosen Noir hat man nach seinem Tod als Manuskript in einer Plastikbadewanne gefunden. Da liegt noch mehr unveröffentlichter raunchyScheiß. Her damit! Und rauf damit, auf Platz drei der Liste mit den besten Krimis im September 2020.

Polar Verlag, 2020, 392 S., 14 Euro

Aus d. Engl. v. Sven Koch

die besten Krimis im September 2020 „Lass Gott aus dem Spiel“ von Harald Lüders2. Harald Lüders: Lass Gott aus dem Spiel

Wie kommt man auf Platz zwei der Liste mit den besten Krimis im September 2020? Und wie kommt man im Journalistenberuf weiter? Richtig: Türen aufbrechen, Abhörwanzen verstecken und eine harte Gerade schlagen. Mitch Berger schreckt bei Recherchen nicht vor riskanten Alleingängen oder illegalen Aktionen zurück. Wenn er gefesselt im Kofferraum landet, Tritte in die Rippen bekommt oder in Pistolenläufe schaut, nimmt er das auch mit Ende 40 noch schulterzuckend in Kauf. Meistens ist der Zufall auf seiner Seite, und Schmerz spült er mit Ibu 600 und doppeltem Espresso weg. Doch Aufträge für freie Investigativ-Hasardeure wie ihn sind rar. Gerade ist Mitch an einer Story über das Frankfurter Bahnhofsviertel dran. Doch ist er zunächst reichlich angepisst, weil ihm der junge Enis Citoglu als Ko-Autor aufgedrückt wird und er selbst bei Honorar und Ego zurückstecken soll. Doch die Vorurteile werden schnell im Bier ertränkt, denn Enis’ Kontakte im Kiez sind nützlich. Schnellcheck: Die szenige Schmuddelecke mit Kulturenmix droht gentrifiziert zu werden und weckt Begehrlichkeiten bei Immobilienhaien. Ein brutaler Anschlag auf eine Moschee bringt zudem unerwarteten Zunder für die Story. Mitch ahnt, dass mehr als der vorschnell verhaftete Ausländerhasser Erwin hinter der Tat steckt. Als kurz darauf beim Mainfest ein Blutbad droht, mischt die CIA mit, und die Lage wird unübersichtlich. Immer mittendrin: Mitch Berger, der einem Jugo-Killer gefährlich nah kommt, als er das Komplott der Drahtzieher erkennt. Doch seitdem bei ihm was mit der taffen Kommissarin Canan Aydin läuft, kann Mitch auf unautorisierte Rückendeckung und Küsse auf lädierte Körperteile hoffen. Autor Harald Lüders war lange Zeit politischer Fernsehredakteur und kennt die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und aktuellem Zeitgeschehen. In seiner Mitch-Berger-Serie verdichtet er Rechtsradikalismus und Integrationsprobleme zu einem glaubwürdigen und rasanten Thriller. Dass ihm einige Charaktere holzschnittartig geraten, verdirbt nicht den Spaß an dem dritten Abenteuer seines waghalsigen Hardboiled-Journalisten, das mit Wumms, Pulp-Touch und authentischen Frankfurt-Feeling aus dem Gros der deutschen Ermittlerkrimis heraussticht.

Westens Verlag, 2020, 336 S., 16,95 Euro

Die besten Krimis im September 2020 „Morduntersuchungskommission – Der Fall Melchior Nikoleit“ Von Max Annas1. Max Annas: Morduntersuchungskommission – Der Fall Melchior Nikoleit

1985. Für die DDR ist es dreiviertel zwölf. Noch sind Glasnost und Perestroika nur eine Idee vom neuen Generalsekretär der SU, aber im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat fängt der real existierende Sozialismus schon an wegzubröckeln. Im Westen halten Punker die Parole „No Future“ ihrem System entgegen – und das passt auch zur SED-Tristesse in Thüringen. Ein paar Jungspunden in Jena ist es zu trabbigrau und wurstbemmig für ihre Neonträume. Melchior, Thomas, Frank und Pfarrerstochter Julia probieren ungelenke Provokation durch Krachmusike, schreien Selbstgetextes ins VEB-Mikro und schleudern sich mit dilettantischer Instrumentenbearbeitung aus dem sozialistischen Gleichtakt. Destruktive Elemente – ein klarer Fall für die überforderten Genossen, die diese Rotznasigkeit gleich mit Auftrittsverbot, VoPo-Knüppeln und Stasi-Schikanen kontern. Als Bassist Melchior erschlagen in einem Schuppen gefunden wird, ist es ein Fall für die Morduntersucher aus Gera. Dessen Oberleutnant Otto Castorp versucht, seine Arbeit von Politik und Eheproblemen zu trennen und will trotz latenter Bierfahne vor allem ein aufrechter Ermittler sein. Im Zweifel ist der Täter immer ein Systemfeind – und da gerät schnell Melchiors Vater ins Visier. Den macht allein sein Ausreiseantrag verdächtig, zudem verstrickt er sich in Widersprüche. Castorp stößt jedoch auf Melchiors IM-Tätigkeit und ein brisantes Foto aus Kriegszeiten, was wiederum einen Major der NVA arg in Bedrängnis bringt. Doch Soldaten sind ja keine Mörder, oder? Max Annas hat sich in den letzten Jahren der DDR ein Bild von den Menschen und ihren Alltagsrealitäten gemacht. Dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung erweckt er diese Zeit zum Leben – ohne Ostalgie und Besserwessirei, mit dem tragisch agierenden Polizeileutnant Otto Castorp. Die auf vier Bände angelegte Serie zählt schon jetzt zum Kanon der deutschen Kriminalliteratur: Annas zeigt politische Zeitgeschichte aus der Sicht von einfachen Menschen, die abwägen müssen, inwieweit sie ihre moralischen Überzeugungen dem diktatorischen System unterordnen. Dabei trifft Annas den Sound der Zeit und schafft authentische Charaktere: Otto Castorp ist kein Systemrebell – auch wenn er im ersten Band mit Selbstjustiz für Gerechtigkeit sorgt. Diesmal sinkt er nach der vermeintlichen Klärung des Mordfalls Melchior zu Boden. Wieder aufstehen und mit geradem Rücken weiter zu gehen, ist verdammt schwierig … Doch ohne jede Frage steht Max Annas ganz oben auf unserer Liste mit den besten Krimis im September 2020.

Rowohlt, 2020, 336 S., 20 Euro