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Don Winslow: Broken

Don Winslow – Broken
Don Winslow – Broken

Seitdem Don Winslow mit „Jahre des Jägers“ seine epochale Kartell-Trilogie zum Abschluss gebracht hat, leiden Fans von Drogenfahnder Art Keller an Entzugserscheinungen. Schon in den backsteindicken Bänden „Tage der Toten“ und „Das Kartell“ zeigt Winslow die ganze Wucht des brutalen mexikanisch-amerikanischen Drogenkriegs – dann war nach dem grandiosen Finale erst mal Schlu. Alle waren gespannt, was danach überhaupt noch kommen könnte. Dass Bestsellerautor Don Winslow ein viel breiteres erzählerisches Spektrum abdeckt, ist durch sein Opus Magnum zum war on drugs leider genauso in Vergessenheit geraten wie viele seiner legendären Erzählfiguren, denen er in früheren Romanen ein – meist kriminelles – Leben ein- und oftmals auch wieder ausgehaucht hat.

Jetzt legt der fast 67-jährige Autor einen Band mit sechs Geschichten vor. Ein Geniestreich: Er zeigt wieder seine Lust am Experiment, präsentiert einen Querschnitt seines Könnens und lässt alte Bekannte wie etwa den legendären Killer Frankie Machine wieder auftauchen. Natürlich bleibt Winslow seinem Stil, den SWAT-Teams und den Drogen treu. Fast immer ist Gewalt Auslöser für die Dramen in Kurzform, die in New Orleans, San Diego und Hawaii spielen. Da werden in Stücke gehackte Mafiosi per Fed-Ex verschickt, Cops mit dem Schweißbrenner gebraten und Drogendealer in der Müllpresse zerquetscht.

Schon gleich bei der titelgebenen ersten Geschichte „Broken“ eskaliert die Gewalt. Brutalo-Cop Jimmy Mc Nabb riskiert leichtfertig eine dicke Lippe gegen einen Drogenbaron – und sein Bruder muss bitter dafür bezahlen. Bei seinem Rachezug steht Jimmy vor der Entscheidung, ob er auch Freunde für seine Genugtuung opfern will. Winslow zeigt Großmäuler und breitbeinige Poser, die ihr Verständnis von Gerechtigkeit mit Waffen durchsetzen. Gier nach Geld und Macht wird skrupellos mit Gewalt befriedigt. Das alles im typischen Don-Winslow-Sound erzählt, bei dem kurze Sätze und knappe Dialoge den Rhythmus vorgeben und immer wieder trockener Humor aufblitzt.

„Crime 101“ bedient unser aller Faszination an ausgefeilten Gaunereien genauso wie den Spaß an übertrieben detailverliebten Fachsimpeleien über Autos und Waffen. Winslow erzählt von den perfekt geplanten Coups eines Diamantendiebs, der sich bei seinen Überfällen strikt an die Regeln seines Verbrecher-Einmaleins hält und dadurch Gewalt und Risiken minimiert. So erbeutet er in nur 47 Sekunden eins Komma fünf Millionen Dollar. Als ihm ein hartnäckiger Detective auf die Spur kommt, entscheidet die gemeinsame Verehrung für Steve McQueen über den Ausgang des Zweikampfes zwischen Gauner und Gesetzeshüter.

Einen bewaffneten Schimpansen lässt Winslow in „San Diego Zoo“ auf überforderte Cops treffen. Da die Polizeiroutine einen solchen Fall nicht vorsieht, verhalten sie sich wie bei einem ganz normalen Verbrecher. Polizist Chris Shea blamiert sich bei der Entwaffnungsaktion, kommt dafür aber immerhin Tierpflegerin Carolyn näher. Der hartnäckige Chris will sich rehabilitieren und verfolgt die Spur der Schimpansen-Waffe. Als er sich dabei in Lebensgefahr bringt, wird er wunderbarerweise in letzter Sekunde von Batman und Robin gerettet. Winslow sieht sich als Unterhaltungsschriftsteller, der sich bei amerikanischen Mythen, Lebensstilen und der Popkultur bedient, um seine Charaktere zu zeichnen. Er huldigt Raymond Chandler genau wie Elmore Leonard. So sind Frühstücksburritos mampfende Cops in albernen Hawaiihemden genauso mit dabei wie coole Gangster, die auf West Coast Jazz stehen. So geht Musikliebhaber Duke in „Sunset“ seinem lukrativen Geschäft mit Kautionen nach. Er sieht sich als unbürokratischer Wohltäter der Gesellschaft. Doch nimmt die Jagd auf einen Kautionsflüchtling eine halsbrecherische Wendung.

Ein Wiedersehen mit den Kiffer-Surfern Ben, Chon und O, die sich in „Kings of Cool“ mit einem Drogenkartell angelegt haben, gibt es in „Paradise“. Winslow fokussiert sich bei seinen Figuren auf Einzelschicksale und zeigt, wie Selbstüberschätzung zu Elend und Tod führen. Dass seine Erzählungen immer auch hoch politisch sind, zeigt sich bei seiner kürzesten, aber vielleicht auch nachdenklichsten Geschichte zum Ende des Buches. In „The last Ride“ sieht Cal von der Border Control an der Grenze zu Mexiko in Käfige gesperrte Kinder von illegalen Einwanderern. Als er einem kleinem Mädchen aus El Salvador direkt in die Augen blickt. beschließt er, sich und seinem altem Pferd alles abzuverlangen, um sie wieder zu ihren Eltern zu bringen. Doch Don Winslows moderne Cowboys reiten am Ende nicht als stolze Helden in den Sonnenuntergang. Sie verlieren alles, landen im Staub und bleiben geschlagen liegen.

Nils Heuner

Don Winslow Broken – Sechs Geschichten

HarperCollins, 2020, 512 S., 22 Euro

Aus d. Engl. v. Ulrike Wasel, Klaus Timmermann, Joannis Stefanidis, Peter Friedrich, Kerstin Fricke