Zum Inhalt springen

Dry Cleaning über „Secret Love“: Im Zweifel Sweetness

Nicolas Hugh Andrew Buxton, Florence Cleopatra Shaw, Thomas Paul Dowse und Lewis Manard (v.l.n.r.): vier gleichberechtigte Teile einer Idee.
Nicolas Hugh Andrew Buxton, Florence Cleopatra Shaw, Thomas Paul Dowse und Lewis Manard (v.l.n.r.): vier gleichberechtigte Teile einer Idee. (Foto: Max Miechowski)

Es gibt genug Gründe, zynisch zu werden. Die britische Postpunkband Dry Cleaning hält mit Verletzlichkeit dagegen.

Thomas, Nicolas, eure ersten beiden Alben sind während der Pandemie erschienen. Nicht der beste Moment, um als Band durchzustarten. Zumal ihr damals alle schon über 30 wart, ihr hattet richtig was zu verlieren. Blickt ihr heute manchmal zurück und fragt euch: Was zur Hölle?!

Nicolas Hugh Andrew Buxton: (lacht) Berechtigte Frage!

Thomas Paul Dowse: Uns gab es ja schon vor der Pandemie. Wie ein Wirbelwind hat sich plötzlich alles um uns herum beschleunigt: Wir haben Demos produziert, das Indielabel 4AD ist auf uns aufmerksam geworden, wir haben unsere erste US-Tour gespielt – und dann kam Covid. Die Frage war: Soll’s das jetzt schon gewesen sein?

Überall wird betont, dass ihr eine Freundesgruppe seid, die zur Band wurde. Aber mal im Ernst: Wer gründet schon eine Band mit Leuten, die er scheiße findet?

Buxton: Also ich hab’s jedenfalls noch nie ausprobiert. (lacht)

Dowse: Die Musik wäre dann ziemlich sicher auch scheiße. (lacht) Aber dass es so etwas wie Rivalität innerhalb von Bands gibt, dass Mitglieder privat nicht miteinander reden, ist ja kein Geheimnis. Dry Cleaning ist hingegen eine Band, in der jedes der Mitglieder ein gleichberechtigter Teil ist.

Für euer neues Album „Secret Love“ habt ihr euch allerdings auch Inspiration von außerhalb geholt: Ihr wart in Jeff Tweedys Studio in Chicago und bei Gilla Band in Dublin. Hatten sich die vier Freund:innen etwa satt?

Buxton: Die ersten beiden Alben haben wir noch sehr idealistisch aufgenommen, wir sind zu einer abgelegenen Farm gefahren und haben einen Monat gewerkelt. Wenn du dann aber einen gewissen Schwellenpunkt in der Musikindustrie überschreitest, hast du viele Dinge nicht mehr selbst in der Hand. Wir haben daher ganz bewusst entschieden, uns herauszufordern und Dinge zu tun, die wir vorher noch nie getan haben.

Wie etwa Cate Le Bon als federführende Produzentin zu installieren.

Dowse: Wir haben Cate in Chicago getroffen, und es hat direkt geklickt. Sie hat unsere Demos gehört und ihre Visionen als einen Spaziergang durch die verschiedenen Orte einer Stadt beschrieben. Sie wurde für eine Woche so etwas wie unser fünftes Mitglied.

Mit diesem Album verlasst ihr zunehmend die Postpunk-Pfade. Der Sound wird teilweise richtig dancy und dreamy. Ich denke da etwa an den Titelsong. Überhaupt wirkt dieses Album sehr verletzlich.

Buxton: Wir wollten an alle Orte kommen, die uns irgendwie beeinflussen. Da wird es mal hart und dann wieder zart.

Wie auch Florences Performance. Aus ihrem einzigartigen Spoken Word wird mitunter richtiger Gesang.

Dowse: Sie war noch nie so gut wie jetzt. Sie hat mit diesem Album die Trennlinie zwischen Spoken Word und Gesang völlig verwischt: ein fließender Übergang.

Trotz all der neugewonnenen Zärtlichkeit ist „Secret Love“ ein stark von der Gegenwart geprägtes und somit auch ein düsteres Album. Es geht etwa um politische Manipulation, Opportunismus und fanatische Influencer. Viele dieser Themen fließen im Internet zusammen. Ein Ort, an dem auch ihr zu zweifeln beginnt?

Buxton: Wie soll man auch nicht am Internet zweifeln? Es wird die ganze Zeit gesendet. Es ist immer da. In your face. Es ist schwer, nicht ängstlich oder gar panisch zu werden. Und deshalb machen wir Musik.

Da ist dieser sehr düstere Song „Blood“, bei dem es heißt: „Blood on my screen/Blood for breakfast“. In unseren Feeds wechseln sich Bilder aus Gaza oder der Ukraine mit Katzenvideos und Memes ab. Wie haltet ihr diesen Wahnsinn aus?

Dowse: Darauf gibt es keine richtige Antwort. Was gerade in Gaza passiert, ist unerträglich. Eine Entmenschlichung. Dennoch darf man sich davon nicht in ein Loch ziehen lassen. Sich zu isolieren, ist keine Option, die Menschlichkeit muss bewahrt werden. Und das geht eben nur, indem wir uns mit echten Menschen umgeben.

So explizit werdet ihr in eurer Musik selten. Lyrisch und musikalisch seid ihr oft eher kryptisch.

Buxton: Gute Kunst hinterlässt Fragen und keine Antworten. Das ist auch unser Ziel.

Dowse: Wir sind nicht gewillt, Dinge zu klären. Bei Dry Cleaning gibt es kein Entweder-oder. Wir wollen etwas Drittes erschaffen.

Und doch heißt es im Closer dieser Platte: „Don’t give up on being sweet“. Eine Lösung?


Buxton: Florence kämpft mit diesem Album auch gegen sich selbst. Gegen den Drang, sich der Düsternis zu ergeben. Wir können schon sehr pessimistisch werden als Band, lieben es aber eben auch, gemeinsam zu lachen.

Dowse: Es ist doch absurd, dass man die menschliche Spezies manchmal verteufelt und trotzdem gleichzeitig Liebe für einen Menschen empfinden kann. Wir sehen die Abgründe, aber lieben Menschen – das geht! Der Pessimismus ist bloß genährt von Systemen, die Menschen nicht wertschätzen.

Beitrag teilen:
kulturnews.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.