Euro-Scene Leipzig: Frische Diskussionsstoffe für die Bühne
Zuletzt hatte sich das Leipziger Festival Euro-Scene im politischen Minenfeld verlaufen. Aber eine kulturpolitische Verirrung kann auch die Chance zur Neujustierung der eigenen Diskussionspraxis sein.

Vor zwei Jahren fand sich das Leipziger Festival Euro-Scene plötzlich zwischen den Fronten im Israel-Palästina-Konflikt wieder. Da hatte die Festivalleitung um den künstlerischen Leiter Christian Watty das Freedom Theater Jenin mit seinem Stück „And here I am“ eingeladen, inszeniert von der Regisseurin Zoe Lafferty, eine Vertreterin der „globalen Intifada“, was Proteste von proisraelischer Seite zur Folge hatte. Nach einigem Hin und Her wurde das Gastspiel gecancelt, der Imageschaden aber blieb. Zwar wirft niemand den Festivalmacher:innen beinharten Antisemitismus vor, eine gewisse Naivität einer Einladungspolitik angesichts globaler Krisen aber lässt sich bis heute nicht wegdiskutieren.
Und seit 2024 sind die Krisen nicht weniger geworden. Das 1991 gegründete Festival präsentiert allerdings auch in seiner 36. Ausgabe „mutige, zeitdiagnostische Stücke, gesellschaftspolitisch relevante Performances sowie Arbeiten, die sinnlich berühren und zu einem anschließenden Dialog anregen“, so die Selbstcharakterisierung. Wer weiß, vielleicht war ja auch die Erfahrung mit dem Freedom Theater Jenin ein heilsamer Schock, und man hat gelernt, dass man den „anschließenden Dialog“ dramaturgisch moderieren muss? Vielleicht ist bei der aktuellen Ausgabe klargeworden, dass man nicht einfach eine umstrittene Produktion einladen kann, und die Leute finden dann schon ins Gespräch?
Vom 1. bis 8. November werden jedenfalls die wichtigsten Theaterorte des Stadt bespielt, von Schauspielhaus bis LOFFT, von Schaubühne Lindenfels bis Theater der Jungen Welt. Und zwar unter anderem mit einem „Fokus Québec“, der wichtige Protagonist:innen der kanadischen Szene nach Leipzig lockt, darunter Marie Chouinard und Manuel Roque. Außerdem gibt es Gastspiele des koreanischen Theatermachers Jahoo Koo (der „Haribo Kimchi“ serviert) und der Liam Francis Dance Company aus Brighton. Derweil erzählt die Teheraner Shiehev Theater Company in „The Child“ von Flucht, Vertreibung und Menschlichkeit, während das syrisch-deutsche Collective Ma’loube „Übungen für eine mögliche Rückkehr“ vorstellt. Und wenn man darüber nicht kontrovers diskutieren kann – worüber dann?
Das ganze Programm gibt es hier.
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