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Literatur

Gnadenopfer von VIVECA STEN

Leider ganz natürlich, dass ein 90-Jähriger stirbt. Oder? Auch in Viveca Stens Reihe um die Ermittlerin Hannah Ahlander geht es mit Gnadenopfer jetzt um den Pflegenotstand.

Buchcover „Gnadenopfer“ von Viveca Sten

„Gnadenopfer“ von Viveca Sten ist unser Krimitipp der Woche

Wir sollten alle leblos von der Couch rollen oder vor einem Sonnenuntergang am Meer tot zusammenbrechen. Solch ein Abgang ist für die Angehörigen nicht schön, aber einem Pflegedienst ausgeliefert zu sein, ist auch kein Zuckerschlecken. In Viveca Stens Roman „Gnadenopfer“ stirbt ein 90-Jähriger. Alle sind überzeugt, wenn man so alt ist, kann das über Nacht geschehen. Für viele ist das eine Erlösung. Niemand hat etwas falsch gemacht. Wer Rund-um-Betreuung möchte, sollte eine Thailänderin oder eine Polin einstellen. Als Pflegekraft hat man heutzutage kaum noch Zeit. Man bekommt genau vorgeschrieben, wie lange das Essen aufgewärmt, die Medikamente verabreicht werden dürfen: Die Eigentümer müssen schließlich Geld verdienen. Außerdem sind Pflegekräfte schwer zu bekommen, und da nimmt man halt alles, was man kriegen kann. Lediglich August Ekmans Tochter stellt Fragen, weil ihr Vater erst vor Kurzem einer Untersuchung zufolge für sein Alter recht fit war. Doch nun ist er tot. Was folgt, ist die Annäherung an ein Verbrechen, das keiner so recht wahrhaben will. Die Lesenden wissen bereits mehr, weil sie gleich zu Anfang mit an den Tatort genommen wurden.

Was ist also passiert? Das ist kein Fall, auf den Ermittler sich sogleich stürzen. Hannah Ahlander muss erst überzeugt werden. Der Pflegedienst selbst streitet allein schon aus Haftungsgründen ab, einen Fehler begangen zu haben. Zwischendrin werden die Leser:innen zu Komplizen, wenn ein unbekannter Gnadenengel Rechenschaft ablegt. Mitten in die Geschichten der Nebenfiguren hinein. Im ersten Drittel sind es eher die privaten Cliffhanger, die Stens Geschichte vorantreiben: Da ist die Leiterin des Pflegedienstes, die renitenten Mitarbeiterinnen entgegensieht, die ihre Führungsschwäche anprangern und sich über sie lustig machen. Da ist Anton, der seinen Freund heiraten will und dessen Vater seine Homosexualität früh angeprangert hat. Nun plötzlich will er zur Hochzeit kommen. Nicht zuletzt das Ermittlerpaar, Hannah und Daniel, das sich in Band fünf der Hannah-Ahlander-Reihe heillos ineinander verhakt hat. Was eine Romance zwischen ihnen hätte ergeben können, ist zu einem Wust unterschwelligen Missbehagens verkommen, sodass sie kaum miteinander reden können.

Ähnlich wie bei Robert Galbraiths Ermittlerduo Cormoran Strike und Robin Ellacott laufen da zwei voreinander weg. Viveca Sten geht in „Gnadenopfer“ dem allen nach und entwirft so ein breites Panorama des gesellschaftlichen Pflegenotstands. Wohin mit den Alten? Wohin mit ihrem Sterben? Oder gibt es da etwa jemanden, der an Gnade, an Erlösung glaubt? Fühlt er sich berufen, anderen den Frieden zu bringen? Nachdem wir Stens Roman gelesen haben, sollten wir alle besser tot von der Couch rollen.

Wer sich für „Gnadenopfer“ von Viveca Sten interessiert, sollte auch unsere Krimikritik zu „El Dorado Drive“ von Megan Abbott lesen

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