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Literatur

Haltet euch fest von Mareike Fallwickl

Mareike Fallwickl überwindet die Kernfamilie und sucht in Haltet euch fest nach alternativen und vor allem gewaltfreien Formen des Zusammenlebens.

Portraitfoto Mareike Fallwickl, die ihren neuen Roman „Haltet euch fest“ veröffentlicht
(Foto: Yenney Rojas Perez)

„Haltet euch fest“ von Mareike Fallwickl ist unser Buch der Woche.

Zwei von ihren Männern misshandelte Frauen bauen in den 1970er-Jahren im Umland von Berlin ein Haus. Daraus erwächst eine offene, dynamische Großfamilie mit Kindern. Vor allem ist sie frei von patriarchalischen Machtstrukturen, denn hetero-cis-Männer gibt es dort keine. Trotzdem ist das Haus in seiner äußerlichen als auch inneren Zerbrechlichkeit sehr gut zu greifen. Fallwickl entwirft keinesfalls eine glatte Utopie, sondern beschreibt das Zusammenleben in dem Haus auch in seiner Tragik, seinen Konflikten und Verlusten. Die Autorin schafft es, die Mitbewohner:innen des Hauses so konkret und lebendig zu zeichnen, dass die Lesenden das Gefühl haben, mitten im Getümmel der Wohnküche zu stechen und die Essenzen der jeweiligen Figuren greifen zu können. Mit einer fließenden, klaren Sprache webt Fallwickl die Lesenden in die Geborgenheit und die Wärme des Hauses ein und entfacht so eine Sehnsucht nach dieser Art von Gemeinschaft und gegenseitiger Fürsorge.

Freundschaften auf die Eins

In diesem utopischen Nest wächst Luzia auf. Wir begleiten sie und ihre Freundin Merle, wie sie auf unterschiedliche Arten das Leben bestreiten. Luzias weicher und wertfreier Blick auf die Welt ist bewundernswert. Sie hat kaum romantische Intentionen, denn ihr Lebensmittelpunkt sind platonische Liebesbeziehungen, die ihr Halt geben und sie erfüllen: Sie planen ihre Zukunft, wohnen zusammen, sind primäre Bezugspersonen, kuscheln, teilen Finanzen und schlafen nebeneinander. Um die richtige Prise Realismus reinzubringen, gibt es aber auch Merle, die ihr ganzes Leben von Männern enttäuscht wurde. Immer wieder verlassen und verletzt, leidet Merle unter dem großen, unerfüllten Wunsch nach Kindern und einer Liebesbeziehung mit einem Mann.

„Du kannst keine Frau im Patriarchat sein, ohne irgendwann wegen der vielen winzigen Schnitte, die dir jeden Tag zugefügt werden, leise auszubluten.“

Als Leserin wünscht man sich möglichst wenig Identifikation mit Merle. Lieber mehr wie Luzia sein. Jedoch ergänzen sich die beiden perfekt: Während mit der einen der Schmerz illustriert wird, von Männern abhängig zu sein, inspiriert die andere dazu, Wege zu finden, damit umzugehen, oder sich sogar gänzlich abzuwenden. Es ist sehr heilend zu lesen, wie verletzlich, schwach und unsicher Fallwickl die Hauptfiguren zeigt. Auch die Dialoge, die die patriarchale und auf Kleinfamilien zugeschnittene Gesellschaft kritisch hinterfragen und neue Visionen entwerfen, sind keinesfalls trocken oder belehrend.

„,Du bist ja nicht allein. Aber selbst mit zehn engsten Freundschaften wirst du Single genannt’, antwortet Silvie und greift über den Tisch nach Susas Hand, ,dabei sterben Frauen in hetero Ehen viel eher allein als Single-Frauen mit platonischen Beziehungen. Verrückt, oder?’ ,Die Ehe ist eine gierige Institution. Und ich glaube, es ist radikal, eine Gemeinschaft zu erschaffen. Jede solche Gemeinschaft ist eine kleine Revolution.’“

Mit Mut gegen die Kleinfamilie

Alle cis-hetero-Männer, die vorkommen, sind sexistische Arschlöcher. Ist es fair, dass Fallwickl sie damit über einen Kamm schert? Oder gleitet sie gar in den Heterofatalismus ab? Ja, das Buch hat damit einen radikalen Unterton, aber es ist nur eine angemessene Reaktion auf die patriarchale Gewalt, der viele Frauen tagtäglich auch in ihrem eigenen Zuhause ausgesetzt sind. Fallwickl appelliert mit „Haltet euch fest“ dazu, sich freizumachen von dem überholten Kleinfamilienideal. Sie zeigt, dass jede Form des Zusammenlebens normal werden kann, wenn wir den Mut zur Veränderung haben. Einfach, damit man sich als Frau wirklich frei entscheiden kann. Und womöglich ist ein Gespräch mit einer guten Freundin ja schon ein Anfang.

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