KUNST

Hamburger Kunsthalle: „Klasse Gesellschaft“ stellt Alte Meister und moderne Kunst gegenüber

Hamburger Kunsthalle: Klasse Gesellschaft
Links: Adriaen Brouwer (1605/06–1638 ), Der bittere Trank, um 1636-1638m, Öl auf Eichenholz, 47,3 x 35,5 cm Abb.: © Städel Museum, Frankfurt a. M. rechts: Lars Eidinger (*1976) Ohne Titel, Paris 2018, C-Print, Abb.: © / Foto: Lars Eidinger

Die Hamburger Kunsthalle bringt einen ins Grübeln: Sie finden, ein grölender Trinker auf einem niederländischen Gemälde aus dem 17. Jahrhundert hat durchaus etwas gemein mit der Fotografie eines vermutlich alkoholisierten Mannes, der in der Jetztzeit vor der Auslage eines Juweliers seinen Rausch ausschläft (beides siehe oben)? Dann haben Sie die Intention der Ausstellung „Klasse Gesellschaft – Alltag im Blick niederländischer Meister“ schon verstanden. Die Schau stellt Gemälden von unter anderem Adriaen Brouwer und Jan Havicksz Steen neue Werke von Stefan Marx und dem bekannten Schauspieler Lars Eidinger gegenüber. So möchte man Parallelen zwischen der damaligen Gesellschaft und unserer heutigen aufdecken. Die spannende Ausstellung läuft vom 26. November bis 27. März 2022.

Hamburger Kunsthalle:  Umfangreiche Ausstellung

Lars Eidinger (lesen Sie hier unseren Text zu seinem Erfolgsfilm „25 km/h“) und Stefan Marx sollen in der Ausstellung mit ihren Werken die Themen und Motive der Alten Meister aufnehmen und reflektieren. Mit rund 200 Werken ist die Schau umfangreich angelegt, ausgehend vom hochkarätigen Bestand der Hamburger Kunsthalle an Genremalerei niederländischer und flämischer Meister, der einen Schwerpunkt des Sammlungsbereiches Alte Meister der Kunsthalle bildet. Und nicht genug: Die Gemälde werden um Zeichnungen und druckgraphische Arbeiten aus dem Kupferstichkabinett der Kunsthalle ergänzt, hinzu kommen ca. 80 Leihgaben, unter anderem aus dem Metropolitan Museum New York und der Eremitage St. Petersburg sowie aus großen europäischen Museen wie dem Rijksmuseum Amsterdam, dem Museo Nacional Thyssen-Bornemisza Madrid, dem Kunsthistorischen Museum Wien, dem Nationalmuseum Stockholm, dem Kunstmuseum Basel und der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München.

Hamburger Kunsthalle: Klasse Gesellschaft
LARS EIDINGER (*1976), Ohne Titel, Berlin 2020, C-Print, © / Foto: Lars Eidinger

Im 17. Jahrhundert erlebte die Malerei durch den wirtschaftlichen Aufschwung in den Niederlanden eine Hochzeit, besonders beliebt waren Alltagsszenen mit eleganten, atmosphärischen Interieurs und familiären Szenen sowie die überspitzten, ironischen Wiedergaben des bäuerlichen Milieus und des zügellosen Treibens der einfachen Leute. In acht Kapiteln entfaltet die Ausstellung einen Rundgang von der Darstellung der Frau und dem Motiv des Briefschreibens und –empfangens, über die feiernden, trinkenden und rauchenden Bauern sowie die sozialen Ungleichheiten und das Thema Spiele und Zeitvertreib bis zu den Wissenschaftlern und Quacksalbern sowie den Winterstücken.

Alte Meister vs. moderne Künstler

Teilweise eingewoben bzw. in eigenen, in den Rundgang integrierten Bereichen sind Fotografien und Videoarbeiten von Lars Eidinger und Schriftbilder von Stefan Marx. Eidinger beschäftigt sich dabei mit dem alltäglichen Leben. Nur scheinbar banale Alltagsszenen, die sich bei näherem Hinsehen als vielschichtige Beobachtungen der Wirklichkeit herausstellen, die das vermeintlich Nebensächliche in den Mittelpunkt rücken. Ohne zu moralisieren, sind seine Fotografien so Kommentare und bringen uns dazu, genau hinzuschauen und uns und unser Handeln in Frage zu stellen.  Stefan Marx operiert mit Sprachbildern, die neue Perspektiven in der Auseinandersetzung mit den niederländischen Genreszenen erschließen. Durch diese zugespitzte Gegenüberstellung entsteht eine spannungsvolle Wechselwirkung: die überraschend ungebrochene Aktualität der Alten Meister wird erfahrbar, die dargestellten Figuren erscheinen lebendig.

Hamburger Kunsthalle: Klasse Gesellschaft
Pieter De Hooch (1629 –um 1679), Der Liebesbote, um 1670, Öl auf Leinwand, auf Holz aufgezogen, 57 x 53 cm, © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: Elke Walford

Dass die Alten Meister wenig mit heutigen komplexen Themen zu tun haben, dem widerspricht die Ausstellung und setzt diesem Vorurteil Querverweise zwischen den Darstellungen des 17. Jahrhunderts und den aktuellen gesellschaftskritischen Fragestellungen des 21. Jahrhunderts entgegen. Durch die nur vermeintlich andersartigen künstlerischen Positionen von Eidinger und Marx entsteht ein größerer Kontext – und ein spannender Dialog, der neue Sichtweisen auf die Kunst ermöglicht.

Hamburger Kunsthalle: Klasse Gesellschaft
STEFAN MARX (*1979), Pardon my late response, 2021, Monopigmentierte Acrylfarbe auf, Leinwand, 120 x 90 cm, © Stefan Marx

„Klasse Gesellschaft – Alltag im Blick niederländischer Meister“ spannt einen bisher unbekannten Bogen vom 17. Jahrhundert in die heutige Zeit und deckt überraschende Parallelen auf. Es steht außer Frage, dass so auch neue Diskussionen über kontroverse Themen angestoßen werden.

Tickets für „Klasse Gesellschaft“ gibt es hier.

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