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Hauke Hückstädt: „Kultur ist keine freiwillige Leistung!“

Hauke Hückstädt Literaturhaus Frankfurt am Main
Hauke Hückstädt (c) Ramon Haindl

Hauke Hückstädt (*1969 in Schwedt) ist Literaturvermittler, Mitglied zahlreicher Jurys, mit Dichter dran – Praxis für Autoren ein erfahrener Berater für Autoren und Verlage. Zuletzt erschien von ihm als Herausgeber „LiES! – Literatur in Einfacher Sprache“ (Piper). Seit 2010 leitet er das Literaturhaus Frankfurt am Main.

„Die Kunst hat sich immer weiterentwickelt, wenn sie unter Druck stand. Und wo Druck war, wurde die Kunst gebraucht. In den Diktaturen sogar gefürchtet. Jetzt ist dieser Druck im verquemten Mittel- und Westeuropa angekommen. Die mentalen Folgen, die Schleifkraft des Stillstands, die psychologischen Schäden, die schleichende Zersetzungsfreude, der allgegenwärtige Fatalismus, unser Fetisch Gesundheit und dieses leicht vermessene Lebenserwartungsfestival – wie all das nachwirken wird, ist noch nicht einmal angedeutet. Auch diese „Curve“ gilt es zu „flatten“.

Ich hätte kein Verständnis für eine Politik, die Kultur in Zeiten erhöhter Verunsicherung für entbehrlich hält, aber sich beim erstbesten We-Survived-Corana-Concert in der Elphi ablichten lassen würde. Ich glaube, dass es in unser Pflichtenheft gehört, mit der gleichen Intensität, mit der jetzt Schutzschirme gespannt werden, späterhin Förderprogramme griffbereit zu haben, die uns wieder in ein großes Miteinander katapultieren. Ein Miteinander, das vor allem die Kunst, die Kultur- und Bildungsinstitutionen, aber auch der Sport zu stiften in der Lage sind und nicht Audi, AEG oder Aldi. Wir müssen es uns und unseren gewählten Vertretern verbieten, „Corona“ als allfällige Ausrede zu etablieren, mit der in den nächsten zehn Jahren alles leichthin legitimiert werden darf.

Kunst zeigt immer Defekte. Das ist schon klar. Aber sie ist schön dabei doch nur, weil sie zugleich diese immense Instandsetzungskraft in uns Menschen auslöst. Sie ist bewusstseinserweiternd und angenehmer Weise nicht verschreibungspflichtig. Kultur ist keine freiwillige Leistung. Sie ist gesellschaftsrelevant und deshalb schon immer systemrelevant und genau deshalb so oft zensiert worden. Noch der größte Materialist wird das sehen: Wir benötigen diese rezeptfreien Reparatur-Annahmestellen vom Literaturhaus bis zur Opernbühne, vom Kindertheater bis zur Malwerkstatt. Jetzt und immer.“