Zum Inhalt springen

„Ich liebe die Menschen“: Norbert Leisegang will nicht therapiert werden

Keimzeit
Norbert Leisegang (links) von Keimzeit schreibt immer noch 95 % aller Songs selbst. (Foto: Lilien Trujilo Viton)

Norbert Leisegang ist ein echter Romantiker. Geht es um das Tempo seiner Band Keimzeit, wird er allerdings zum Rationalisten.

Norbert, vor etwa drei Jahren haben wir zum Keimzeit-Best-of-Album „Von Singapur nach Feuerland“ gesprochen. Damals hast du gesagt, du würdest dich satt fühlen, und dass es dir nicht mehr gelingen würde, gute neue Songs zu schreiben. Daran scheint sich etwas geändert zu haben. Immerhin steht nun euer 14. Studioalbum an.

Norbert Leisegang: So was ist natürlich immer auch humoristisch gemeint. Stand jetzt wissen wir ja auch noch nicht, wie sich die zwölf neuen Songs mausern werden. Ich schreibe immer wieder gerne Neues, 95 Prozent der Songs sind immer von mir. Aber über seine eigene Musik zu sagen, sie hätte den Stein der Weisen aufgespürt, ist doch vermessen. Jetzt geht es darum, wie sich die Songs weiterentwickeln.

Und das liegt nicht mehr in eurer Hand?

Leisegang: Für so ein Album vergrößern wir unsere Band immer um einen Produzenten. Diesmal war es Peter Schmidt, mit dem wir schon lange zusammenarbeiten. Und dann geht es darum, die bestmögliche Version der Songs so auszuarbeiten, dass uns diese in allererster Linie persönlich gefallen. Mehr können wir nicht tun. Das ist ein Abenteuer – und echte Teamarbeit.

„Als wir in den 80er-Jahren angetreten sind, wollten wir alles und das am besten schnell.“

Bei der dann ein Produzent auch ein bisschen Supervisor spielt?

Leisegang: So eine Band ist immer auch eine Ansammlung von Individualisten und Köpfen. Da hilft ein Externer, der auch mal Entscheidungen abnimmt. Das beugt natürlich auch Zerwürfnissen vor.

Nach so vielen Jahren Bandgeschichte und 13 Alben setzt doch aber auch eine Gelassenheit ein. Ich denke da an den Song „Bummelzug“. Ist das eine Selbstzuschreibung?

Leisegang: Der eigentliche Anstoß für diesen Song war ein alter D-Zug, der wieder flottgemacht wurde und mit dem wir als Band nun gemeinsam mit Gästen von Dresden nach Cottbus fahren, um dort ein Konzert zu spielen. Aber klar: Als wir in den 80er-Jahren angetreten sind, wollten wir alles und das am besten schnell. Heute sind wir eher ein Bummelzug, damit aber sehr zufrieden. Denn wir rollen noch.

Der Titelsong klingt fast wie ein Nachruf auf die Menschheit: Ach, die Menschen. Die hätte ich wohl gemocht. Geben wir aktuell nicht eigentlich wenig Anlass für so viel Wohlwollen?

Leisegang: Schaue ich auf meinen Alltag und nicht die große Politik, muss ich sagen: Ich liebe die Menschen. Also, wenn es die Menschen nicht mehr gibt, ist das jetzt auch keine Katastrophe. Es geht dann weiter. Aber ich habe in meinen 66 Jahren Lebenszeit viel Empathie und soziales Miteinander erleben dürfen.

Ein bisschen lächerlich sind wir aber auch. Im selben Song heißt es, der Witz hätte den Menschen erschaffen.

Leisegang: Es ist weniger die Lächerlichkeit als der Humor. Die Fähigkeit, Humor zu begreifen, ist doch toll. Bittere Themen lassen sich so gut mit Humor begreifen.

Und mit Therapie. Im Closer „Therapie“ entsagst du jedoch selbiger. Woher die Ablehnung?

Leisegang: Das ist keine strikte Ablehnung, da geht es eher darum, in der Liebe die Gefühle fließen zu lassen. Da will man nicht therapiert werden. Es geht mir darum, romantisch sein zu können. Liebe ist therapiefeindlich – ich selbst aber sicher nicht.

Du bist also ein Romantiker?

Leisegang: Schon. Als Rationalist hätte ich wahrscheinlich niemals angefangen, Songs zu schreiben.

Beitrag teilen:
kulturnews.de
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.