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Der letzte seiner Art

Joji
Joji wurde vom Youtuber zum Popstar. (Foto: Evers Pund)

Joji hat einst den Sprung vom Memelord zum ernstzunehmenden Musiker geschafft. Doch auch auf seiner neuen Platte „Piss in the Wind“ bleibt er ein Prophet des Scheiterns.

Als Joji den Titel seines vierten Albums öffentlich gemacht hat, haben nicht wenige Fans sich online pikiert gezeigt. „Piss in the Wind“? Soll das ein Witz sein? Ist das nicht viel zu derb für die zerbrechlichen Sounds, die sie von ihm gewohnt sind? Die Reaktion ist bezeichnend, denn sie zeigt zum einen das Mindset einer jungen Generation, die von Social-Media-Algorithmen so sehr auf Selbstzensur getrimmt wurde, dass sie noch in Screenshots Schimpfwörter unkenntlich macht. Zum anderen beweist sie, wie weit sich George Miller von seinen Wurzeln entfernt hat. Oder besser: ihnen entkommen ist.

„Piss in the Wind“? von Joji: Mehr Pre-Saves als Charli XCX

Erstmals bekannt geworden ist er als YouTuber unter Namen wie Filthy Frank und Pink Guy, als Sprachrohr und Pionier der ironievergifteten, politisch unkorrekten Subkultur, die einige der populärsten Memes aller Zeiten hervorgebracht hat, darunter den Harlem Shake, der auf ein Video Millers zurückgeht. Die groteskeren Sketche auf seinem Kanal würden die Joji-Fans, die an dem Wort „Piss“ Anstoß nehmen, wahrscheinlich in eine tiefe Krise stürzen. Gut gealtert ist davon wenig, doch ist es nicht übertrieben zu sagen, dass Miller eine Generation geprägt hat. 2017 aber hat er sich davon verabschiedet und seine Musikkarriere, die vorher vor allem aus Meme-Raps im pinkfarbenen Ganzkörperanzug bestand, ganz neu begonnen. Dass es heute Joji-Fans gibt, denen Filthy Frank und Pink Guy nichts mehr sagen, ist kein Unfall: Joji ist angekommen, füllt die Arenen, „Piss in the Wind“ hat auf Spotify mehr Pre-Saves als kommende Alben von Gorillaz oder Charli XCX. Damit ist der in Japan geborene Miller nicht nur einer der global erfolgreichsten asiatischen Künstler, sondern auch der erfolgreichste Musiker, der als YouTuber angefangen hat.

Joji: Ein Anti-Popstar

Trotz Welterfolg und Hitsingles wie „Glimpse of us“ aus dem Jahr 2022 ist Joji dabei immer ein Anti-Popstar geblieben. Seine R’n’B-Songs sind minimalistisch, skizzenhaft, geprägt von seiner frühen Liebe zu Cloudrap und Internet-Mikrogenres. Überlebensgroße Refrains gibt es nicht, triumphale Momente sucht man vergeblich. Es geht um Abweisung, Abstand, Trennung und Lieben aus der Ferne. Auf dem vierten Album, erstmals auf Jojis eigenem Label Palace Creek veröffentlicht, ist von 21 Songs genau einer länger als drei Minuten – die Single „Love you less“. Synths tun genau so oft weh, als dass sie beruhigen, auch die Akustikgitarre auf „If it only gets better“ klingt verzerrt, und mit Yeat und Don Toliver sind Rapper als Gäste dabei, die sich perfekt in diese düstere Klangwelt einpassen. Egal, wo Joji gerade ist – der Abgrund ist nie weit entfernt, die Zukunft immer vernebelt und unerreichbar.

Es ist unwahrscheinlich, dass Joji ihn selbst so gemeint hat, aber der Track „Last of a dying Breed“ gewinnt in diesem Licht eine neue, doppelte Relevanz. Denn nicht nur der unabhängige DIY-Popstar, der er sein möchte, ist permanent vom Aussterben bedroht. Dasselbe gilt auch für die Art von YouTuber, als die Miller einst berühmt geworden ist: Längst wurden die Kids, die sich selbst im eigenen Bad gefilmt haben, von Filmstar-Podcasts und Hochglanz-Kanälen verdrängt, und die Stunts, die sich Filthy Frank erlaubt hat, würden heute keine Minute lang online bleiben, bevor YouTube sie löscht. Dazu kommt die riesige Schwemme an KI-generierten Videos, die echten Menschen die Klicks abjagen. Andere Plattformen wie Instagram oder TikTok nutzt Joji zwar, aber rein professionell, es gibt keinen Blick hinter den Vorhang. George Millers Geschichte ist eine, die so nur im 21. Jahrhundert hätte geschrieben werden können – aber eben auch nur in seinem ersten Viertel. „What’s left to do?“, fragt Joji in „Strange Home“ und schafft eine Melancholie, die über das Zerbrechen einer Beziehung, über das er eigentlich singt, hinausgeht.

Die Redensart pissing in the wind meint eine Handlung, so sinn- und aussichtslos, dass es schon wieder lustig ist. Kaum jemand kann diese Atmosphäre des Scheiterns als Grundform so konsequent einfangen wie Joji. Es ist schwierig, da im Jahr 2026 nicht an die Weltlage und diverse drohende Apokalypsen zu denken. Treten wir allerdings einen Schritt zurück, dann kann die Geschichte des Mannes, der seinen inneren Zyniker und seine toxischen Fans überwunden hat, um als Künstler ernst genommen zu werden, vielleicht sogar zur Inspiration für uns alle werden. „Piss in the Wind“ ist damit irgendwie das Gegenteil von dem, was sein Titel verspricht. Und das ist ziemlich ironisch.

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