URBANE KULTUR

Digitalformate? Sind Alltagsrealität!

Nesterval: Ausschnitt aus dem Stück „Der Willy-Brandt-Test“, das auf Kampnagel gezeigt wird.
NestervalFoto: Rita Brandneulinger

Frau Kollender, auf der Kampnagelseite steht zu „Der Willy Brandt-Test“, dass sich der Spielspaß erhöht, wenn man zu zweit vor dem Monitor sitzt. Dafür braucht man aber auch zwei Tickets. Das wären dann über 50 Euro. Warum sollte ich für eine Online-Veranstaltung so viel ausgeben, was erlebe ich dafür?

Lena Kollender Foto: Florian Sonntag

Lena Kollender: Die Arbeit von Nesterval ist sehr aufwendig produziert und wird von uns genauso behandelt wie eine Live-Veranstaltung. Es sollte eine gleichwertige ästhetische Erfahrung sein. Man wird in ein Spielsetting hineingezogen, in dem man Aufgaben löst, etwas herausfindet und, je nach Spielverlauf, einen ganz unterschiedlichen Abend erleben kann. Beim „Willy Brandt-Test“ begegnen acht Performer*innen bis zu 32 Zuschauer*innen auf der Videoplattform Zoom. Als Zuschauer*in bekommt man dann die Aufgabe gestellt, diese acht Kandidat*innen darauf zu testen, ob sie geeignet sind, die Sozialdemokratie in die Zukunft zu retten. Dabei entfaltet sich eine halbfiktive Geschichte über die Männerklüngel in den 70er-Jahren und Gertrud Nesterval, die Geliebte von Bruno Kreisky – das war quasi der österreichische Willy Brandt. Im Spiel taucht Gertrud Nestervals Sohn auf und sagt, man stehe vor der gleichen Situation wie damals in der Nachkriegszeit, als man gerade erst den Nationalsozialismus überwunden hatte, und müsse nun den Willy-Brandt-Test wiederholen, um die Sozialdemokratie erneut zu retten.

Bei den Nesterval-Produktionen geht es vor allem um Queerness, Diversität, Identität und Geschlechterrollen. Wie werde ich in dem Stück mit diesen Themen konfrontiert?

Kollender: Indem z. B. Geschlechterrollen hinterfragt werden. Bestimmte Figuren treten in Drag auf, oder es handelt sich um queere Liebesgeschichten der Figuren, die dann diskutiert werden. Vor allem stellen Nesterval die Geschichtsschreibung in Frage, die von sehr männlich dominierten heteronormativen Kapiteln geprägt ist: Politiker wie Bruno Kreisky, Willy Brandt oder auch Olaf Palme verkörpern eine bestimmte Männlichkeit, die so heute gar nicht mehr funktionieren würde.

Gerade in der Gaming-Szene gelten Nesterval als sehr beliebt. Das aktuelle Stück war ursprünglich aber gar nicht für den digitalen Raum gedacht. Was macht es für Gamer so reizvoll?

Kollender: Dramaturgisch orientieren sich Nesterval häufig an Gaming-Dramaturgien und -narrationen: Es gibt z. B. Geschichtsverläufe, die offener sind, je nachdem, wie sich das Publikum in bestimmten Situationen entscheidet. Ich bekomme also kein fertiges Produkt vorgesetzt, sondern kann interaktiv mitmachen und den Verlauf der Geschichte beeinflussen. Besonders wichtig und reizvoll ist die Verbundenheit und die Zusammenarbeit mit den anderen Teilnehmer*innen. Jeder bekommt andere Hinweise, wird in verschiedene Räume geleitet, von den anderen getrennt und dann wieder zusammengeführt, um gemeinsam zu diskutieren.

Woran liegt die hohe Nachfrage an interaktiven, immersiven und digitalen Formaten? Wieviel hat das mit Wahrnehmungsgewohnheiten einer zunehmend digitalen Gesellschaft zu tun?

Kollender: Eine Generation wie die von Nesterval ist mit anderen Referenzen groß geworden. Da spielen Gaming, Netflix und Serien eine sehr große Rolle. Das ist ein System, indem man sich schon lange und ganz natürlich bewegt – und außerdem ist es Teil der Popkultur. Daher werden sich diese Dramaturgien und Narrationen auch ganz natürlich in diese Richtung weiter entwickeln. Es geht darum, was in unserem Alltag eine Realität ist, mit der wir uns beschäftigen, und da gehören diese Formate auf jeden Fall mit dazu.

Kann das gemeinschaftliche Erleben von Empfindungen in einem digitalen Raum das Live-Erlebnis ersetzen?

Kollender: Das Live-Erlebnis ist vergleichbar, aber nicht ersetzbar. Das Spannende an den Formaten aus der Gamingkultur ist, dass sie eine Gemeinschaft herstellen. Die Nesterval-Arbeit regt dazu an, aus der Ferne ins Gespräch zu kommen. Bei der Arbeit von Samara Hersch, wo man per Telefon und Computer mit Teenagern aus Australien verbunden wird, fällt auf, wie schnell Menschen Hemmschwellen abbauen und Intimität zu Fremden herstellen. Diese mediale Begegnung hat daher eine ganz andere Qualität.
Kollektive wie Machina Ex oder Gob Squad machen das ja schon seit Jahren. Diese Formate sind zukunftsträchtig, weil sie zeitgenössische Formen entwickeln. Man muss die Formate aber auch gleichwertig behandeln. Aus Produzentenperspektive sind die digitalen Formate nicht weniger teuer oder aufwendig, zumindest nicht, wenn man es richtig machen will. Gerade jetzt hat sich die Gelegenheit eröffnet, in solche Projekte zu investieren, weil das an vielen Stellen die einzige Möglichkeit war. Darin liegt eine große Chance.

„Der Willy Brandt-Test“ von Nesterval findet im Rahmen des Internationalen Sommerfestivals auf Kampnagel in Hamburg statt.

Spieltermine: 13.–16. 8. | 20.–23. 8. | 27.–28. 8., jeweils um 18 und 21 Uhr