MUSIK

Unterdrücker als Unterdrückte: Karin Ann mit dem Anti-Diskriminierungssong „babyboy“

Karin Ann babyboy

In ihrer Heimat der Slowakei ist Karin Ann längst ein Star. Mit ihrem modernen Pop, der auch Einflüsse aus Trap und anderen Genres inkorporiert, gilt sie als Vorzeigemusikerin der Generation Z. Aber sie will nicht einfach nur Musik machen, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen anstoßen. Ein gutes Beispiel ist der neue Track „babyboy“, der sich textlich mit Sexismus und Diskriminierung auseinandersetzt.

Im brandneuen Video, das wir hier auf unserer Seite präsentieren, wird das Thema auf ironische Weise illustriert. Darin zeigen Karin Ann und ihre Mitarbeiter*innen eine Welt, in der typische Diskriminierungsmuster umgekehrt sind: Ein weißer Mann wird das Opfer von Sexismus und Rassismus. Wir haben mit Karin Ann über den Song, ihre Rolle als Sprachrohr und ihre Lieblingsmusik gesprochen.

Karin, „babyboy“ bezieht in seinen Lyrics sehr klar Stellung. Was hat dich inspiriert, den Song zu schreiben?

Karin Ann: Der Song ist metaphorisch als eine Konversation zwischen einem Mann und einer jungen Frau geschrieben. Aber in Wahrheit repräsentiert der Mann die Gesellschaft, in der wir leben, und die Frau junge Leute, die es leid sind, in einer Gesellschaft voller Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Diskriminierung zu leben. Junge Menschen wollen nicht alten Ideologien folgen. Die Menschheit entwickelt sich weiter, und das sollte auch für die Regeln unserer Gesellschaft gelten.

Als junge Frau in dieser Gesellschaft werde ich immer von oben herab betrachtet. Viele Leute rechnen nicht damit, dass ich Dinge wissen könnte oder meine eigene Meinung, meine eigene Identität habe. Die Narrative „Du brauchst einen Mann, um ein Leben zu haben und glücklich zu sein“ und „ein Mann macht dich erst ganz“, als bräuchten Frauen Männer, um sich erfüllt zu fühlen, sind mir seit der Kindheit aufgedrückt worden. Für mich ist es Wahnsinn, dass wir im Jahr 2020 immer noch so leben sollen. Wenn ich sage, dass ich nicht weiß, ob ich heiraten oder Kinder haben will, rasten die Leute aus, als sei es das Ende der Welt – nur, weil ich eine Frau bin.

Sie rasten auch aus, wenn ich sage, dass ich nicht weiß, ob ich am Ende mit einem Mann, einer Frau oder jemanden dazwischen zusammenkomme. Ich bin außerdem teilweise Syrerin aber sehe nicht arabisch aus, also geben Leute oft negative Kommentare über Araber*innen ab, wenn ich dabei bin, was mich sehr schmerzt, weil ich eine syrische Familie habe.

„Diskriminierung findet man überall“

Ich glaube, vieles davon hängt damit zusammen, dass ich in einem konservativen, sich nur langsam entwickelnden Land wohne. In anderen Ländern steht es um die Gleichberechtigung zumindest ein bisschen besser, aber ob nun um sehr offensichtliche oder sehr unbewusste Diskriminierung geht, man findet sie überall. Ich glaube, junge Leute sehen alle einfach als Menschen: Wir sind alle gleich, warum sollte man also jemanden als besser als jemand anders ansehen? Und das motiviert sie, für Gleichberechtigung zu kämpfen, weil sie einfach nur respektiert werden wollen.

Was für musikalische Einflüsse hast du?

Karin Ann: Ich bin schon seit meiner Kindheit von Musik umgeben. Alles von Queen, den Beatles, ABBA, Billie Eilish, Yungblud, girl in red, Hozier oder Birdy hin zu Sountracks wie „The Nightmare before Christmas“, „Euphoria“, „Das Phantom der Oper“ oder „Anne with an E“ … Ich könnte ewig so weitermachen, weil ich eine Menge Musik höre.

Du wirst schon als Stimme deiner Generation gehandelt. Wie findest du diese Zuschreibung? Magst du die Verantwortung, oder schüchtert sie dich eher ein?

Ich glaube, ich packe nur das in meine Kunst, was viele junge Leute denken, aber nicht ausdrücken können. Alles, was ich will, ist, für diese Leute einen sicheren Raum zu schaffen, in dem sie sich ausdrücken können, ohne verurteilt oder angefeindet zu werden. Ich bin nicht die einzige, die das macht. In den letzten paar Jahren sind viele solcher Künstler*innen auf der Bildfläche erschienen, wie Yungblud, Billie Eilish oder girl in red.

„Ich fühle mich ihretwegen weniger allein“

Und es kann zwar sehr gruselig sein, aber es ist auch sehr schön, denn ich habe mit der Musik überhaupt nur angefangen, weil ich mich einsam fühlte und so, als würde ich nirgendwo dazugehören. Also ist es wunderbar, einen Raum schaffen zu können, wo die Leute sich nicht allein fühlen müssen und einfach sie selbst sein können. So, wie sie sich meinetwegen weniger allein fühlen, fühle ich mich ihretwegen weniger allein.

Du bist nicht nur Musiker*in, sondern auch bildende Künstlerin. Wie unterscheiden sich die beiden Richtungen, und findest du jemals Inspiration für die eine in der anderen?

Karin Ann: Ich bin schon immer beides gewesen, es ist einfach Teil meines Wesens. Also kann ich sie nicht wirklich vergleichen. (lacht) Aber ja, die Inspiration geht oft Hand in Hand.

Was hat das Konzept hinter dem Musikvideo inspiriert?

Karin Ann: Wir wollten die Ungerechtigkeit zeigen, die im letzten Jahrhundert passiert ist – und das sich in Sachen Unterdrückung nicht viel geändert hat. Aber wir haben beschlossen, es ironisch zu verfälschen und damit zu zeigen, wie absurd es aussehen würde, wenn die Rollen zwischen Unterdrückern und Unterdrückten umgekehrt wären. Warum sieht es so, wie es jetzt ist, also normal für uns aus?

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