Bücher

Im Wald vor lauter Bäumen

Buchcover „Die verstummte Frau“ von Karin Slaughter

Den rasanten Einstieg ist man von der Thriller-Königin gewohnt, und auch „Die verstummte Frau“ von Karin Slaughter startet furios: Agent Will Trent muss in den Knast. Nachdem es einen Toten im Staatsgefängnis von Atlanta gegeben hat, bietet der Häftling Daryl Nesbitt dem Georgia Bureau of Investigation einen überraschenden Deal an: Er liefert den Täter und Informationen darüber, wie der Handyschmuggel im Knast organisiert ist. Im Gegenzug verlangt Nesbitt vom GBI, dass es sich erneut die Morde vornimmt, die ihm – natürlich fälschlicherweise – angelastet werden. Nicht um frei zu kommen, denn er wird zusätzlich noch etliche Jahre wegen Kindesmissbrauchs einsitzen. Ihm geht es bei dem Beweis seiner Unschuld um späte Rache und Genugtung gegenüber dem ehemaligen Polizeichef Jeffrey Tolliver.

Nesbitt behauptet, der wahre Serienmörder sei durch die schlampigen Ermittlungen bis heute unerkannt geblieben und vergreife sich weiter sadistisch an jungen Frauen. Für Will und Rechtsmedizinerin Sara Linton eine heikle Situation. Sara war mit dem später ermordeten Jeffrey verheiratet und hat damals die Untersuchungen begleitet. Wenn Nesbitt wirklich Recht hat, trägt sie Mitschuld daran, dass der Killer weitere Gräueltaten verüben kann. Für Will dagegen stellt Saras erneute Beschäftigung mit den alten Fällen und ihrem heißgeliebten Ex-Mann eine Störung in seiner Liebesbeziehung zu ihr dar und beeinträchtigt zusätzlich sein ohnehin labiles Selbstwertgefühl. Er steht unter Druck, Jeffreys Untersuchungen zu bewerten und neue Todesfälle mit dem Serientäter in Verbindung zu bringen.

Mit jeder Tat perfektioniert der Täter seine grausamen Methoden

Doch es fehlen Aufzeichnungen, Zeugen sind unkooperativ. Jeffreys damaliger Kollegin Lena werden schwere Fehler und Vertuschung angelastet. In Rückschauen schwenkt die Handlung zu Jeffreys Ermittlungen und zu den dramatischen Umständen bei Nesbitts Verhaftung. Agent Will Trent versucht eine Verbindung zwischen den Geschehnissen damals in Grant County und einem aktuellen Fall in Atlanta herzustellen: Der Mord an Alexandra McAllister, der zunächst für einen Unfall gehalten wurde. Sara untersucht neben Alexandras Leichnam auch weitere Opfer, die Hinweise auf den Serienkiller bringen sollen. Dabei extrahiert sie nicht nur den Stiel eines 750-Gramm-Schlosserhammers, sondern entdeckt auch sadistische Genitalverstümmelungen.

Details über die Vorgehensweise des Täters werden deutlich, der mit jeder Tat seine grausamen Methoden perfektioniert. Der Psychopath geht äußerst kaltblütig und zugleich raffiniert vor: Er stalkt seine Opfer, stiehlt ihnen Haarschmuck als Trophäe. Nach einem Hammerschlag auf den Kopf flößt er ihnen eine Droge ein und lähmt sie mit einem Stich ins Rückenmark. Schließlich vergewaltigt er sie bei Bewusstsein und lässt sie hilflos im Wald zurück. Oftmals, um sie erneut zu quälen, bis sie an den schweren Misshandlungen sterben. Werden die Leichen gefunden, haben Wildtiere sie längst angefressen und Hinweise auf die Verbrechen vernichtet.

Der Täter ist Sara erschreckend nah

Sara muss nach all den Jahren jede Spur neu bewerten. Genauso, wie sie auch ihre immer noch starken Gefühle für Jeffrey nicht mit der jetzigen Liebe zu Will gleich setzen darf. Schließlich führen der Fund eines winzigen Fremdkörpers und ein neuer Blick auf die Geschehnisse zum Täter – und der ist Sara schon lange Zeit so erschreckend nah gewesen, dass sie es vor Aufregung in letzter Sekunde noch vermasseln könnte, ein gequältes Mädchen zu retten.

Gönnt Karin Slaughter ihrem Serienpaar endlich die Hochzeit?

Karin Slaughter schreibt – je nach Lesart – die nervenaufreibendste Thrillerserie(n) oder die komplizierteste Lovestory eines Ermittlerpaars im Krimigenre. Beim Nachfolger von „Die letzte Witwe“ schafft sie durch die Verbindung zu den alten Mordfällen und den Rückblicken ein gelungenes Comeback von Jeffrey und Lena aus ihren Grant-County-Romanen. Slaughter bringt somit zur Freude aller Fans ein Best-of ihrer Romanfiguren zusammen. Und werden sich im achten gemeinsamen Band Sara und Will endlich mal einen Heiratsantrag machen, der nicht daneben geht? Hach … Slaughter weiß, wie sie auch Neueinsteiger mit ihrer Mischung aus knallharter Gewalt und Gefühlsverwirrungen bannen kann. Zudem blitzt immer wieder ihr unschlagbar trockener Humor auf, mit dem sie die expliziten Horrorszenarien der gekonnt hochdrehenden Thriller entschärft: ein albernes Codewort etwa, eine romantische Überraschung in einer Big-Mac-Schachtel oder die wirklich abgebrühteste Bestattung aller Zeiten.