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Leif Randt: Allegro Pastell

Leif Randt: Allegro Pastell

Leif, „Allegro Pastell“ ist dein erstes Buch, in dem du dir keine Near-Future-Welt ausdenkst oder aus einer Nebengegenwart erzählst.

Leif Randt: Ich war der Parallelwelten etwas müde geworden. Die Anfragen bezüglich Zukunftsspekulationen hatten sich auf eine Weise gehäuft, dass ich merkte, dass ich einerseits darauf festgelegt werde und dass es auch ohne mein Zutun noch genug Nebengegenwartsbücher und -TV-Serien geben wird. Natürlich können die Near-Future-Themen und auch das Fantastische irgendwann wiederkommen, aber jetzt hat es mich mehr gereizt, einen anderen Weg zu gehen, zu 90% realistisch zu arbeiten und von der Near Past zu erzählen. Mit dieser Paarbeziehung gibt es zudem einen thematischen Kern, um den alles andere kreist.

„Mittlerweile hatte Jerome das Gefühl, einer sehr kleinen Generation anzugehören, die fast nur aus ihm selbst bestand, und für diese Generation waren Facebook-Profile, Dating-Apps und Spekulationen auf Kryptowährungen gleichbedeutend mit einer emotionalen Nähe zur CDU.“ (aus: „Allegro Pastell“)

Hat es Überwindung gekostet, mit dem Wechsel zum realistischen Erzählen quasi direkt zum Gegenwartsdiagnostiker zu werden?

Leif Randt: Ich wollte mich selbst ein bisschen überraschen und gleichzeitig aus einer Comfort Zone heraus schreiben. Das Leben in einem südhessischen Dorf und ein Freelancer-Dasein in Berlin sind ja Antiparameter, viel weniger interessant und irgendwie auch schmerzhaft kann man es ja fast nicht anlegen – darin lag ein Reiz. Und so ähnlich wie bei „Schimmernder Dunst über CobyCounty“ hatte ich irgendwann eine Schreibhaltung gefunden, in der ich mich geschützt genug fühlte und trotzdem fast alles reinschreiben konnte, was mich beschäftigt hat. Um mich das zu trauen, brauchte ich wahrscheinlich diesen Vorlauf von komplizierteren Projekten.

Auch wenn du die biografischen Bezüge auf zwei Figuren aufsplitten kannst, fällt mit dem Verzicht auf eine Nebengegenwart ein wichtiges Schutzschild, und „Allegro Pastell“ wird zu einem sehr persönlichen Roman.

Leif Randt: „Planet Magnon“ hatte diese aufwändige Konstruktion und war deshalb auf eine unkontrollierte Art persönlich. Da spielten etwa unbewusstere Sehnsuchtsräume aus irgendwelchen Kindheits-Medieneindrücken eine große Rolle. Das hat es fast noch prekärer intim gemacht. „Allegro Pastell“ ist auf eine viel direktere Weise persönlich, aber unter Kontrolle.

„In einem Interview mit dem Wiener Radiosender FM4 hatte Tanja wenige Tage vor ihrer Lesung behauptet, dass sie sich zunehmend vor heterosexuellen Paaren ekele. Das Wort ekeln hatte sie dabei bewusst gewählt, in dem Wissen, dass es eigentlich viel zu hart war. Echten Ekel empfand sie nämlich nicht, wenn sie Dinge sah, die als normal galten – dafür war ihre Kindheit viel zu glücklich gewesen.“ (aus: „Allegro Pastell)

Mit ihrem Schwebezustand zwischen Selbst- und Fremdbeobachtung, zwischen Rausch und Nüchternheit sowie Pflichterfüllung und Zerstreuung erinnern die Protagonist*innen Tanja und Jerome an „CobyCounty“. Im Deutschland der Zehnerjahre kämpfen die beiden um eine Konservierung ihrer Zuneigung. Auch wenn das nicht wie geplant gelingt, lese ich „Allegro Pastell“ positiv, als eine Entwicklungsgeschichte.

Randt: Mein Wunsch war, ein eher gut gelauntes Buch zu schreiben, das die relative Langeweile des deutschen Lebens auch umarmt. Von Leuten erzählen, die vorwiegend klarkommen und nur indirekt Probleme haben. Persönlich hatte ich 2018/2019 eine ziemlich gute Zeit. Mitte 30 zu sein, stellte sich als viel besser heraus, als ich es mir früher ausgemalt hätte. Das wollte ich mit abbilden. Gleichzeitig kann man „Allegro Pastell“ auch als krass deprimierend empfinden, weil man dieses relativ glückliche Leben von außen anschaut und sich fragt, was das eigentlich alles soll. Wie füllt man seine 24 Stunden? Einige werden sicher auch diesen Text als Warnung und Kritik begreifen. Und diese Menschen haben dann genauso recht wie diejenigen, die mit einem warmen und optimistischen Gefühl aus dem Buch rausgehen. Ich kann beides fühlen.

Interview: Carsten Schrader

 

Sie führen eine Fernbeziehung, bleiben durch Bild und Text aber stets eng miteinander verbunden: Der Mittdreißiger Jerome Daimler bewohnt in Maintal den Bungalow seiner Eltern und ist ein international gefragter Webdesigner. Seine Freundin Tanja Arnheim lebt in Neukölln und wartet nach ihrem gefeierten Debütroman „PanoptikumNeu“ auf die Inspiration fürs zweite Buch. An den gemeinsamen Wochenenden feiern sie sexpositiv, kümmern sich um depressive Geschwister, besuchen die Hochzeiten gemeinsamer Freunde, diskutieren über Filme wie „Good Time“ und „Mid90s“ und hören Bladee und Kedr Livanskiy.

Leif Randt Allegro Pastell

Kiepenheuer & Witsch, 2020, 288 S., 22 Euro

Erscheint am 5. März

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