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Lucy Fricke: Takeshis Haut

Nur wenige Wochen nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima trat Lucy Fricke ein mehrmonatiges Stipendium des Goethe-Instituts in Kyoto an, und es ist unsagbar beeindruckend, wie sensibel und vielschichtig die Berliner Autorin ihre Eindrücke auf den gerade mal 200 Seiten ihres dritten Romans verarbeitet.

In „Takeshis Haut“ erzählt sie von der 40-jährigen Frida, einer Geräuschemacherin beim Film. Eines Tages taucht der junge Regisseur Jonas bei ihr im Studio auf und zeigt ihr einen apokalyptischen Film, dessen Tonspur auf unerklärliche Weise verloren gegangen ist. Frida fliegt nach Kyoto, um die verlorene Tonspur zu rekonstruieren, sie verliebt sich in Takeshi, den Hauptdarsteller des Films, und ihr fällt es selbst dann schwer, das Land zu verlassen und in ihr altes Leben zurückzukehren, als sich am 11. März 2011 die Katastrophe ereignet.

Durch die Augen ihrer Protagonistin beobachtet Fricke ein Land im Ausnahmezustand, sie zeichnet das verzweifelte Bemühen seiner Bewohner mit der nicht fassbaren Bedrohung umzugehen und Konsequenzen zu ziehen, woran es sich im Anbetracht der Apokalypse überhaupt noch festzuhalten lohnt. Das persönliche Schicksal Takeshis, der in den Norden des Landes reist, um im Katastrophengebiet das Schicksal seines Vaters zu klären, durchsetzt sie mit der oft widersprüchlichen Berichterstattung in Deutschland und vor Ort.

So schrecklich die von ihr dargestellten Ereignisse sind, so eindringlich gelingt es Fricke auch, die Verwerfungen abzubilden, die sich parallel zum Beben in Fridas Leben abspielen. Sie findet den Weg zurück in ihre langjährige Beziehung mit Robert nicht. Plötzlich wird ihr bewusst, dass sie sich nicht in Gewöhnung einrichten will, um einem vorgezeichneten Lebensentwurf zu folgen, der nur ganz okay ist. Aber kann man mit 40 wirklich noch umkehren, und wie fühlt sich ein so später, radikaler Bruch an? „Wohin also, wenn es kracht? Wer hatte Gästezimmer, Schlafsofa und kein Interesse. Bei wem konnte man sich noch in der Küche besaufen. Wer machte morgens Rühreier mit Schinken oder wenigstens anständigen Kaffee. Wer streichelt einem den Kopf, ohne dabei zu quatschen. Wer wusste nichts besser und hatte es auch nicht vorher gewusst. Wo waren denn alle hin?“ (cs)

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